Auf ein Bier mit Sepp Schellhorn

Er verkörpert wie kein anderer die Rolle des Tribuns der österreichischen Tourismusbranche. Im Interview spricht der Vollblutgastronom und unbeugsame Politiker Sepp Schellhorn über den Fachkräftemangel, die Salzburger Festspiele — und über seine beiden Wecker.
September 3, 2018 | Text: Lucas Palm, Bernhard Leitner | Fotos: Michael Preschl, beigestellt

Glauben an ein Gesamtkunstwerk: Gastronom, Hotelier, Politiker: Sepp Schellhorn ist leidenschaftlicher Gastronom und unbeugsamer Liberaler in einem. Der Inhaber von fünf Betrieben ist eine unverzichtbare Stimme für seine Branche geworden — und hat für ihre Probleme auch Lösungsvorschläge, wie sie nur jemand vom Fach haben kann.

Sie stammen aus einer Gastronomenfamilie und haben mit großem Erfolg den elterlichen Betrieb übernommen. Gibt es Ihrer Meinung nach so etwas wie ein Gastro-Gen?
Sepp Schellhorn: Ich denke, es ist weniger eine Gen-Geschichte, sondern vielmehr eine Gesellschaftsgeschichte. Denn schließlich hat es viel damit zu tun, in welchem Elternhaushalt man erwachsen wird. Es ist ja nicht selten so, dass der Sohn eines Bauern Bauer wird oder der eines Steuerberaters Steuerberater. Ich selbst bin in einer Häuslichkeit aufgewachsen, in der immer sehr viele Menschen waren, neben Mitarbeitern natürlich auch Gäste. Und noch heute ist so, dass ich meine Branche als die gelebte Möglichkeit sehe, täglich 100 neue Freunde zu finden.

Als einer der wenigen Repräsentanten der Gastronomen — und der Tourismusbranche überhaupt — in der Politik: Wo sehen Sie die Hebel, um das Problem des Fachkräftemangels anzugehen/zu lösen?
Schellhorn:Wir erleben das Phänomen, dass die Gesellschaft immer mehr Freizeit hat. Gleichzeitig findet man aber immer weniger Menschen, die für diese Dienstleistungsgesellschaft auch bereit sind, die entsprechende Dienstleistung abzuwickeln. Das ist das grundsätzliche Problem, das mir auch im Rahmen vieler Bewerbungsgespräche auffällt — Stichwort Sonntagsöffnung etc. Da spielt auch stark hinein, dass das politische und arbeitsrechtliche System in Österreich es geradezu schlechtredet, beispielsweise von Freitagnachmittag bis Sonntagabend zu arbeiten. Dabei gibt es ja genügend junge Menschen, die nicht unbedingt von Montag um neun bis Freitag um 17 Uhr im Büro sitzen wollen, sondern auch einmal drei Tage mit 13 Stunden arbeiten wollen, um dann vier Tage freizuhaben. Auf diese Welten sollte sich der Gesetzgeber endlich einmal einstellen. Das tun die Sozialpartner nicht. Aber natürlich: Auch wir, die Branche, müssen etwas dafür tun, um diese Dienstleistungsbereitschaft wieder hervorzukehren. Ansonsten blüht uns das System Schweiz, wo die Branche ihre Mitarbeiter verstärkt im Ausland suchen muss.

Glauben an ein Gesamtkunstwerk: Gastronom, Hotelier, Politiker: Sepp Schellhorn ist leidenschaftlicher Gastronom und unbeugsamer Liberaler in einem. Der Inhaber von fünf Betrieben ist eine unverzichtbare Stimme für seine Branche geworden — und hat für ihre Probleme auch Lösungsvorschläge, wie sie nur jemand vom Fach haben kann.

Sie stammen aus einer Gastronomenfamilie und haben mit großem Erfolg den elterlichen Betrieb übernommen. Gibt es Ihrer Meinung nach so etwas wie ein Gastro-Gen?
Sepp Schellhorn: Ich denke, es ist weniger eine Gen-Geschichte, sondern vielmehr eine Gesellschaftsgeschichte. Denn schließlich hat es viel damit zu tun, in welchem Elternhaushalt man erwachsen wird. Es ist ja nicht selten so, dass der Sohn eines Bauern Bauer wird oder der eines Steuerberaters Steuerberater. Ich selbst bin in einer Häuslichkeit aufgewachsen, in der immer sehr viele Menschen waren, neben Mitarbeitern natürlich auch Gäste. Und noch heute ist so, dass ich meine Branche als die gelebte Möglichkeit sehe, täglich 100 neue Freunde zu finden.

Als einer der wenigen Repräsentanten der Gastronomen — und der Tourismusbranche überhaupt — in der Politik: Wo sehen Sie die Hebel, um das Problem des Fachkräftemangels anzugehen/zu lösen?
Schellhorn: Wir erleben das Phänomen, dass die Gesellschaft immer mehr Freizeit hat. Gleichzeitig findet man aber immer weniger Menschen, die für diese Dienstleistungsgesellschaft auch bereit sind, die entsprechende Dienstleistung abzuwickeln. Das ist das grundsätzliche Problem, das mir auch im Rahmen vieler Bewerbungsgespräche auffällt — Stichwort Sonntagsöffnung etc. Da spielt auch stark hinein, dass das politische und arbeitsrechtliche System in Österreich es geradezu schlechtredet, beispielsweise von Freitagnachmittag bis Sonntagabend zu arbeiten. Dabei gibt es ja genügend junge Menschen, die nicht unbedingt von Montag um neun bis Freitag um 17 Uhr im Büro sitzen wollen, sondern auch einmal drei Tage mit 13 Stunden arbeiten wollen, um dann vier Tage freizuhaben. Auf diese Welten sollte sich der Gesetzgeber endlich einmal einstellen. Das tun die Sozialpartner nicht. Aber natürlich: Auch wir, die Branche, müssen etwas dafür tun, um diese Dienstleistungsbereitschaft wieder hervorzukehren. Ansonsten blüht uns das System Schweiz, wo die Branche ihre Mitarbeiter verstärkt im Ausland suchen muss.

Warum ist die Gastronomie nach wie vor ein Stiefkind in der Politik?
Schellhorn: Das betrifft meines Erachtens nicht nur die Gastronomie, sondern die Tourismusbranche insgesamt, also auch die Hotellerie. Wir haben eine Pflichtinteressenvertretung, die alle Bereiche abdeckt, vom kleinen Wirt zum großen Hotelier, das ist die WKO. Auf der anderen Seite haben wir eine freie Vertretung, die nur für die Hotellerie gilt, das ist die ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung), und für die Gastronomie gibt es den BÖG (Bundeskongress der österreichischen Gastronomie), der aber nicht mehr so stark ist. Da haben wir also keine Einigkeit. Vor allem, weil die WKO den Interessenausgleich begehen muss. Nur: Tourismus ist ein Gesamtkunstwerk, und es gibt immer weniger echte Praktiker, die in der Politik tätig sind. Wir werden von der Politik vor allem deswegen mit Füßen getreten, weil nicht beachtet wird, dass es nicht nur um diesen oder jenen einzelnen Tourismusbetrieb mit seinen 20 Mitarbeitern geht, sondern um viel mehr: Ganze Talschaften würden ohne Tourismus eingehen, dort würde kein Handwerk bestehen, keine Bäckerei, kein Installateur. Im Bundesland Salzburg etwa trägt der Tourismus 25 Prozent des BIPs bei.

Sie haben 2015 für viel Furore in den heimischen Medien gesorgt, nachdem Sie ein Mitarbeiterhaus Ihres Betriebs zu einem Asylheim inklusive Ausbildungsstätte umfunktioniert haben. Letztlich hat Ihnen das Land Salzburg das untersagt. Was ist da genau passiert?
Schellhorn: Nachdem die Grenzen damals in Spielfeld aufgegangen sind, habe ich kurz darauf das Elend auch hier in Salzburg gesehen, das unter anderem am Polizeisportplatz stattfand. Zelte standen unter Wasser, über 500 Flüchtlinge hausten dort unter widrigsten Umständen. Mich hat damals die grüne Sozialreferentin und Landesrätin Berthold angerufen und gebeten, ob ich nicht helfen könnte. In Gastein habe ich ja drei Winterbetriebe, die nur im Winter offen sind. Somit steht dort über den Sommer ein Mitarbeiterhaus der 3-Sterne-Klasse, das offen ist und verwendet werden kann. Ich habe es aber nicht nur geöffnet, sondern wollte es gleichzeitig nachhaltig mit Leben füllen. Das hieß konkret: fünf Tage die Woche Deutschkurse und die Absolvierung eines Ausbildungsmoduls für Hilfsköche und Hilfskellner. Der Vertrag lief nur über den Sommer, bis zum 1. Dezember, und wurde nicht verlängert. Es war der Bürgermeister, der darauf bestand, dass „diese Ausländer wegmüssen“. Das hat uns getroffen. Schließlich haben von diesen 36 Männern, die dort untergebracht waren, 32 den Kurs besucht. Die mussten wir dann aufteilen auf mein Heimatdorf Goldegg sowie in den Nachbarort St. Veit. Trotz dieses Gegenwinds haben aber immerhin 14 dieser Männer einen fixen Arbeitsplatz im Tourismus gefunden. Das erachte ich letztlich als Erfolg und als wichtiges Integrationsmodell. Einerseits haben wir so Arbeitslücken gestopft – die nun einmal bestehen – und gleichzeitig die Inaktivitätsfalle ausgehebelt. Ich glaube, dass darin auch eine unsere Chancen liegt. Es gibt überall Talente, und wenn in Österreich nun einmal so wenig getan wird, um die heimische Bevölkerung für die Branche und ihre dazugehörigen Arbeitszeiten zu begeistern, dann liegt es an uns, mehr Bereitschaft bei denen zu finden, die zu Recht gute Chancen – auch für ihre Integration – darin sehen.

Kommen wir also zum Gastronomen Sepp Schellhorn. Wie sieht ein ganz normaler Tag in Ihrem Leben aus?
Schellhorn: Mein erster Wecker läutet um sechs und der zweite um sieben. Je nach Tagesverfassung stehe ich dann um halb sieben auf oder um sieben. Dann brauche ich meine Zeit für mehrere Tassen Kaffee und die Zeitung. Und dann geht es um 8 Uhr los. Der Alltag ist dabei immer geprägt von zwei Welten: meinem Hauptberuf — das ist und bleibt der Tourismus, das sind meine fünf Betriebe und meine 110 Mitarbeiter, und der Politik, also der Vertretung der Interessen meiner Branche im Nationalrat. Unter den 183 Abgeordneten bin ich der einzige Tourismussprecher, der tatsächlich aus dem Fach kommt. Ich arbeite sieben Tage die Woche. Am Dienstag steige ich um 5:50 in den Zug nach Wien und komme Donnerstagnacht zurück.

Wenn man Ihnen zuhört, erscheint es einem tatsächlich immer absurder, dass die Branche keine stärkere Lobby hat. Vor allem in Salzburg, wo der Tourismus ein so starker Wirtschaftsfaktor ist. Woran liegt das?
Schellhorn: Es muss uns gelingen, ein anderes Gehör zu finden. Auch, indem wir der Branche die Attraktivität zusprechen, die sie verdient: Man kann in dieser Branche großartig Karriere machen, es gibt hohe Ertragschancen. Einer meiner Küchenchefs beispielsweise verdient an die 6000 Euro brutto pro Monat, außerdem steht einem in dieser Branche die ganze Welt offen. Das Wichtigste wird sein, einheitlich, das heißt gemeinsam aufzutreten. Ich sage das nicht als Parteipolitiker, sondern als Sprachrohr für den Tourismus im Nationalrat. Weil Sie Salzburg angesprochen haben: Nehmen wir die Salzburger Festspiele, deren Bedeutung für Salzburg nicht überschätzt werden kann. Mein Restaurant M32 beispielsweise macht während der sechs Wochen der Salzburger Festspiele 30 Prozent seines Jahresumsatzes. Das ist eine enorme Herausforderung. Es ist ausgesprochen wichtig, dass wir ein einheitliches Sprachrohr haben, und da baue ich auch bei den Medien auf entsprechende Unterstützung — darunter natürlich ROLLING PIN, das eine wichtige Funktion übernimmt.
www.m32.at

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