Dr. Badass: Kulinarischer Mystery-Krimi

Es war ­Colonel Mustard im Esszimmer mit dem ­Notizblock – Teil II
Juni 7, 2017 | Fotos: Mike Krueger

Wir haben die Kellnerin (Anm.: die junge Dame aus dem ersten Teil, die Dr. Badass und seinen Freunden den Schlummertrunk vermiest hatte) zur falschen Zeit am falschen Ort erwischt – der Abzug war gedrückt und der tödliche Schuss gefallen. Doch anstatt mich zur Verantwortung zu ziehen, für was auch immer an ihrem Tag so schiefgelaufen ist, hätte sie sich auch einfach für die Situation entschuldigen können.
Ich meine, wir sind doch alle Menschen und Shit happens. Trotz meiner blutgetränkten Leiche lassen wir sie mit ein paar Jahren gemeinnütziger Arbeit davonkommen. Doch was passiert, wenn Vorsatz dazukommt? Eine eiskalte geplante Gäste-Exekution? Eine viel schwerwiegendere Straftat.

Dr. Badass und Tantris-Sommelier: Justin Leone

Wer in München lebt und arbeitet, kennt die Urban Legend betreffend einen prominenten TV-Koch und seine Restaurants. Wenn Leute dort erwischt werden, wie sie die Gerichte der anderen probieren, mit denen sie am Tisch sitzen, werden sie nicht angeprangert, korrigiert oder umgehend gemaßregelt. Stattdessen wird ihnen erlaubt, aufzuessen und ganz normal ihre Rechnung zu bezahlen.
Man wird ihnen höflich in ihre Mäntel helfen und sie nach draußen führen. Früher oder später wird man eine kleine Notiz in seiner Tasche finden, auf der deutlich zu lesen ist: „Wir bitten Sie höflich, nie wieder in unser Restaurant zu kommen.“ Natürlich erst nachdem der Kunde bezahlt hat. Auf der Karte könnte genauso gut stehen: „Danke für deine Kohle, Arschloch! Und jetzt schau, dass du schleunigst rauskommst und nie wieder zurückkommst!“

Absolut feig und widerwärtig. Auch wenn ich aus mehreren Gründen selbst noch nie dort war, habe ich dieses Gerücht schon von Kollegen, Stammgästen und Touristen viel zu oft gehört – mit einer Frequenz, dass es einfach stimmen muss. All das zusammen hat mich zum Nachdenken gebracht: Was zur Hölle ist eigentlich heutzutage mit den Leuten los?
Wo sind wir hingekommen, wenn Angestellte von jemandem, dessen Existenz an diesem einen Betrieb hängt, Gäste beschimpfen, anscheißen, anpissen oder einfach nur undankbar ihrem Patron gegenüber sind, der den Laden am Laufen hält.

Schuld und Sühne

Ein angepisster Student, der in irgendeinem Drecksloch von Bar arbeitet, ist eine Sache. Mit Sicherheit keine Entschuldigung, aber okay, wie gesagt: Shit happens. Aber ein Restaurant, das so weit geht, seine eigenen Karten zu drucken, um seinen Kunden im Eiltempo in den Rücken zu stechen, ist etwas völlig anderes. Wann haben wir beschlossen, den letzten Funken Menschlichkeit die Toilette runterzuspülen? Das ist doch nicht normal.

Für niemanden. Wie sind wir so weit von den Grundfesten der Gastfreundschaft abgekommen, dass wir unseren Managern, Kellnern und Sommeliers erlauben, sich wie Soziopathen aufzuführen? Danny Meyer hat in seinem Buch „Setting the Table“ geschrieben, dass man Gastfreundschaft auf zwei grundlegende Elemente runterbrechen kann: Wärme und Geborgenheit. Was gibt man einem Neugeborenen? Eine Decke, um es warm zu halten, und eine Flasche, um es zu nähren.

Unsere einzige fundamentale Aufgabe in dieser Branche ist genau das. Leute in unseren Restaurants willkommen zu heißen, als wäre es unser eigenes Zuhause und sie unsere eigenen Gäste. Ihnen ein warmes Gefühl der Wertschätzung entgegenzubringen, auf ihre Bedürfnisse einzugehen, um ihnen Komfort und Genuss auf höchster Stufe zu ermöglichen.

Spiel nicht Gott

Wir wissen schließlich, nicht woher sie gerade kommen, wie ihr Tag war, was sie feiern oder vergessen wollen – oder vielleicht sogar beides gleichzeitig. Und wer gibt schon einen feuchten Dreck, wenn die Leute interessiert, passioniert und spaßig genug sind, um den ersten Gang ihres Partners zu probieren? Geht es nicht genau darum?

Interessierte und interaktive Gäste zu haben, die diese Erfahrung bis zum letzten Tropfen auskosten wollen? Alles aufsaugen, was diese Stunden friedlicher Erholung zu bieten haben? Mir dreht sich beim Gedanken daran, jemanden dafür zu bestrafen, der Magen um. Unterm Strich ist unsere einzige und wichtigste Direktive zu gewährleisten, dass sie vom Moment an, in dem sie das Lokal betreten, mit einen positiven Eindruck beginnen.

Sie nicht mit unseren Problemen, Attitüden oder Emotionen wie mit einem Virus anzustecken. Wer nimmt es sich heraus, sich wichtiger als die Branche selbst zu fühlen? Wir sind doch alle dabei, um das Beste rauszuholen. Und wenn du Gott spielen willst, bestimmen willst, wer leben darf und wer sterben soll, wer bleiben darf und wer gehen muss, kannst du deinen geheiligten Arsch beim Mitarbeiterausgang rausbewegen, weil du ganz offensichtlich nicht verstanden hast, was zum Teufel Gastfreundschaft wahrhaftig bedeutet.

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