Dr. Badass: Making Wine Great Again – Teil 1

Dr. Badass und Top-Sommelier aus dem 2-Sterne-Restaurant Tantris Justin Leone: Die Rolling Pin-Sprechstunde über Wein, Weib und andere Unwägbarkeiten des Lebens in der Gastronomie.
März 15, 2017 | Fotos: Mike Krueger

Dr. Badass und Tantris-Sommelier: Justin Leone

Teil I: Orange ist das alte Schwarz.

Diesen Artikel zu schreiben, fühlt sich ein wenig so an, als wäre ich ein gebrechlicher Mann im Altersheim. Der Rollstuhl steht in der Ecke geparkt, der Gehstock schwingt wie wahnsinnig neben dem Fernseher und plötzlich stürmt eine Krankenschwester ins Zimmer, um mir meine tägliche Dosis Beruhigungsmittel zu verabreichen.
Die Welt geht vor die Hunde – keine Floskel, diesmal ist es mein voller Ernst. Der ganze Schwachsinn dieser Tage rund um Natural Wine kommt mir vor, als würde sich eine ganze Generation junger Weintrinker ihre Nase abschneiden, nur um ihr Gesicht zu ärgern.

Fast wie ein Hype brütet Langeweile entstanden aus Überbevölkerung gepaart mit sozialer Isolation und der eiskalten Umarmung einer Social-Media-Abhängigkeit eine verzweifelte und verlorene Generation aus.
Eine Generation, die Trump schulterzuckend zuhört, während fanatische, imperialistische und hetzerische Lügen aus ihm heraussprudeln – frei nach dem Motto „Wir brauchen jemanden, der etwas ändert“. Das brachte mich zum Nachdenken: Trump ist eigentlich auch ziemlich orange – wie viele dieser Weine.
Und es wird einem auf einschlägigen Seiten sogar empfohlen, dass man die Flasche schütteln soll, um den Weintrub vom Vorjahr aufzuwirbeln, während die latente Karbonisierung, die aus unfertiger Milchsäuregärung im Keller entsteht, wieder frei durch die Flasche schwimmen kann.

Normalerweise bezeichnet man so was als Wein-Fail. In diesem Fall aber hochgelobt. So wie das Errichten von Mauern oder Frauen selbstverständlich in den Schritt zu fassen in manchen Parteien Akzeptanz findet.
Hey, das is doch mal was anderes, nicht wahr? So, als würde man den Rückwärtsgang einlegen und voll aufs Gas steigen und damit einem verzerrten, unzusammenhängenden und völlig absurden philosophischen Manifest erlauben, sich gegen einfachen Hausverstand und hart erkämpften Fortschritt durchzusetzen – egal ob es um Wein oder Politik geht.

In unserer modernen Zeit sollten wir die einzigartige Möglichkeit nützen, gemeinsam zu analysieren, woher wir kommen, in der Hoffnung, voraussagen zu können, wohin uns dieser Höllenritt führen wird.
Wir leben in einer Zeit, in der Wasser gereinigt, Krankheiten geheilt, nachhaltige Energieressourcen entwickelt werden können und unsere Lebenserwartung länger als je zuvor ist.
Warum also, wenn es um Politik oder Wein geht, stürzen wir blindlings die Industrie zurück ins Mittelalter? Warum vertrauen wir bedingungslos einer verschwommenen Kategorie wie Natural Wine, die technisch gesehen keine Regeln, Regulationen, Guidelines, Definitionen oder Erwartungen erfüllt?

Fuck the rules

Wir sollten zumindest versuchen, eine Grundlage dafür zu legen, wofür diese Horde von hochnäsigen Hipstern eigentlich kämpft. Versuchen, Politik zu definieren, bevor wir einer bedingungslosen Allianz huldigen.
Schließlich haben wir für all das, was wir haben, hart gekämpft und haben einen höllisch langen Weg hinter uns, als fermentierter Wein oder gebrautes Bier noch als einzig sterile Alternative zu verseuchtem Wasser galt.
Wir haben es geschafft, Wein zu einer geschätzten, verehrten und begehrten Kunstform zu hieven. Unglücklicherweise verstehe ich nicht, wie man eine trübe, falsch zweitfermentierte, Mercaptan-beherrschte, Brettanomyces-beladene, bakterien-befallene, essigsäure-haltige Frankenstein-Abscheulichkeit als Kunstform bezeichnen kann.

Ich bezeichne es als genau das, wonach es riecht –Scheiße! Und das ist noch nicht einmal das Schlimmste daran. Richtig weh tut es, wenn der Dutt-Träger, der gerade den Wein eingeschenkt hat, zu dieser Kreation befragt wird, mit dem Spruch „Du verstehst es einfach nicht, Alter. Warum trinkst du nicht einfach wieder deinen Markus Schneider oder was auch immer ihr Leute denkt, was Wein ist“ antwortet.
Gut, eigentlich hab ich verdammt noch mal ziemlich viel Ahnung von kleinen „natural-minded“ Domänen wie Romenée-Conti, Domaine Leroy Huet, Richard Leroy, Arnot-Roberts, Uwe Schiefer, Dominic Huber, Battenfeld-Spanier, Benoit Marguet … Und die schmecken, riechen und schauen allesamt kein bisschen wie Scheiße aus – niemals.

Kürzlich lief eine Pressekonferenz im Fernsehen, die ich mir völlig fassungslos zu Gemüte führte: Trump weicht einer Untersuchung aus, leugnet Fakten und weigert sich einfach, Fragen zu beantworten, die er als „negativ“ empfindet.
Er verdammt die freie Presse zu Staatsfeinden, anstatt sie als Chance für Transparenz anzuerkennen –das absolut Furchtbare daran: alles nur, um uneingeschränkt regieren zu können und sich für seine Aktionen nicht rechtfertigen zu müssen.

Eine totalitäre „Halt’s Maul und schluck es runter“-Mentalität, die an den Grundfesten gebildeter Demokratie rüttelt. Politische Ideologien müssen sich einem adäquaten Feedback unterziehen, um sie auf ihre Funktionalitäten zu prüfen und zu hinterfragen, ob sie im Interesse der Allgemeinheit stehen.
Genau so muss auch die Philosophie des Weinmachens in einer Debatte von Weinliebhabern seziert werden. Doch zu viele leidenschaftliche Natural-Wine-Experten reagieren dabei mit einer trumpesquen Haltung entgegen der offensichtlichen hippieliberalen Natur, die diese Kategorie nach außen projiziert.
Anstatt direkt die Position von Natural Wine zu hinterfragen, müssen sich wissbegierige Geister oft Anschuldigen gefallen lassen, zu martialisch und richtend zu sein, während die eigentliche Frage offen bleibt.

Es ist unglaublich schwierig, jemanden zu beschuldigen, die Regeln gebrochen zu haben, wenn es keine gibt. Verdammt noch mal, ich hörte einen Natural-Wine-Aktivisten, der ein perfektes, geniales, pures und bedachtes kalifornisches Weingut als „Natural“ verschmähte, weil: „Sie produzieren zu viel Wein.“
So guter Wein für ein paar wenige glückliche Wissende ist okay, aber guter Qualitätswein für ein breiteres Publikum? Das müssen Fake-News sein! Quasi alternative Fakten!

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