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Bullshit-Bingo. Was, Kennen Sie nicht? Dann lege ich Ihnen ans Herz, sich damit mal auseinanderzusetzen. Obwohl es sich ausnahmsweise um kein neues Avantgarde-Küchen-Gadget handelt.
November 13, 2015

Stephanie FuchsNeulich fand ich mich frühmorgens bei einer Bekannten zum Post-Tanzlokal-Sektfrühstück ein. „Oh, wie nett!“, denken Sie jetzt bestimmt. Obgleich ich den Entertainment-Faktor meines Aufenthaltes dort nicht schmälern möchte, muss an dieser Stelle der grausamen Wahrheit Genüge getan werden: Ich bekam weder Frühstück noch Sekt. Dafür aber eine umfassende Einführung in die (theoretische) Handhabung diverser Küchengeräte. Und nein, ich meine damit nicht eine Nudelmaschine oder – wie old school! – gar eine banale Kitchen Aid.

Wer heute als privater Küchenmeister etwas auf sich hält, der glänzt mit Fusionchef, Caviar Maker und Rota-
tionsverdampfer. Vermüllt beim als „Abendessen in lockerer Atmosphäre“ gepriesenen 8-Gang-Zirkusdinner das ohnehin durch alkoholhaltige Getränke auf Traubensaftbasis bereits stark beanspruchte Gehirn mit Vorträgen über die Vorzüge von Fizzy, Xanthan, Trisol und allem, was sonst noch so im modernen Gewürzschrank lagert. Und wenn das muntere Fachausdruck-Würgen, auch Bullshit-Bingo genannt, anfängt, hört der Spaß automatisch auf. Weil man am Ende nämlich gar nicht dazu kommt, die sous-vide-gegarte Ente im Popcorn-Look auf den sphärisierten Erbsenkügelchen an Stickstoff-Kartoffelstampf mit gefrorener Luft von Parmesan zu genießen. Die Frage, die mich nach Abenden wie diesen umtreibt, ist: Woher kommt diese
rasant um sich greifende Avantgarde-Obsession?

Hat Heiko Antoniewicz alle begeisterten Hobbyköche nachts heimlich umgepolt? Oder ist es tatsächlich so, dass es als medienaffiner Amateur heute einfach uncool ist, denen nachzueifern, die keinerlei molekularen Schnickschnack auf den Teller bringen? Bevor nun zahlreiche avantgardistische Herzen stehen bleiben: Liebe Fans der Naturwissenschaften, versteht mich bitte richtig. Ich finde Grisu-Shows auch lustig und weiß, dass man mit dem einen oder anderen Utensil geschmacklich noch etwas rausholen kann. Aber manchmal darf’s ruhig ein bisserl weniger sein. Schinkenfleckerl oder einen wirklich geilen Kaiserschmarren (in deren Urformen) zubereiten zu können, ist nämlich auch eine Kunst, und zwar eine mittlerweile leider unterschätzte.

Menschen, die von Kulinarik etwas verstehen, schätzen diese Form der Simplizität nämlich – egal ob beim privaten Dinner oder in der Haubenküche. Denn auch die braucht weder zwingend Hasenohr-espuma noch livriertes Servicepersonal oder Speisekarten voller Gerichte, deren Namen an der Grenze zur menschlichen Artikulationsfähigkeit liegen. Zumindest sehe ich das so. Es soll aber Menschen geben, die das anders sehen, ich weiß. So einer ist mir erst kürzlich in einem dieser Restaurant-Bewertungsportale untergekommen und warf ebenda die Frage in den Raum, wie denn das Gasthaus Floh in Langenlebarn zu seinen zwei Hauben kommt.

Wo doch die Tischdeko „zu schlicht“, die handgeschriebene Speisekarte „optisch zu unaufregend“ und die Grashalm-Panade des Fischs „von irgendeinem Bauern“ zu „unspektakulär“ fürs werte Empfinden war. Was soll man da noch sagen, außer: Dem Floh und seinesgleichen wünsche ich, dass sie weiterhin tun, was sie tun, weil geniale Küche auch ganz ohne Zisch und Wrums funktioniert. Und allen Köchen wünsche ich, dass sie nicht vergessen, worauf es am Ende des Tages ankommt, wenn man von Kochkunst spricht: auf den Geschmack, nicht auf das Drumherum. Kochen kommt nämlich von Können, nicht von Knallen.

Verdiene ich jetzt Hiebe oder Liebe? Schreiben Sie mir an stephanie.fuchs@rollingpin.eu

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