ver.fuchst

Feta-Fehden, Krainer-Kriege, Obazda-Ohrfeigen. Rund um meinen Kühlschrank toben erbitterte Herkunftsbezeichnungs-Schlachten. Dabei würde ein bisschen kulinarischer Pazifismus uns allen guttun.
November 13, 2015

stephanie fuchsFrüher, als „Griechischer Salat“ das ultimative Urlaubs-Rezeptmitbringsel war, lagerte er in meiner Käselade, gleich neben dem Emmentaler, hinter dem Rohschinken. Damals nannte ich ihn Feta, und ob er aus Griechenland kam oder nicht, war für mich eher nebensächlich. Dass der – ursprünglich übrigens aus Bulgarien stammende – Feta sich zum Problemkäse entwickeln würde, war wahrlich nicht abzusehen. Eine Dekade lang fetzten sich die Griechen, Deutschen und Dänen um den Schafskäse und die Frage, wer nun Feta auf seinen Käse schreiben darf und wer nicht.

Die EU-Kommission entschied letztlich, dass nur Produkte griechischstämmiger Blöker Feta heißen dürfen, und ließen den weichen Weißen als geschützte Ursprungsbezeichnung eintragen. Damit der original bulgarische Käse aus griechischer Schafsmilch – so nenne ich ihn jetzt – nicht so alleine ist, haben in den letzten Jahren unendlich viele internationale Kühlschrankbewohner mitgezogen, und meine Ablagefächer sind voll linguistischer Meister- und Markenwerke. Da schmiegt sich jetzt, ganz EU-konform, „Patros“ an „Vulcano-Rohschinken“ oder „polnischer Oscypek“ an „Steirisches Kürbiskernöl g.g.A“. Letzteres sorgt ja auch schon ein ganzes Weilchen für ziemlich miese Stimmung zwischen Österreich und unseren slowenischen Nachbarn. Die nämlich wollen „Stajersko prekmursko bucno olje“, zu Deutsch „Steirisches Kürbisöl jenseits der Mur“, ebenfalls markenrechtlich schützen lassen.

Das, so meinen die heimischen Produzenten, verwirre den Konsumenten. Diese Ansicht finde ich als Konsument wiederum etwas verwirrend, denn soweit ich weiß, leben wir in einem weitgehend alphabetisierten Land, und Etiketten zu lesen darf man der Menschheit durchaus zumuten. Um die Menschheit geht es aber nicht, nur um die Slowenen, und die stehen gewohnheitsrechtlich auf der Abschussliste der Ösis. Wäre die Sache mit dem Kernöl nicht schon Majestätsbeleidigung genug, setzen die bösen Südstaatler nämlich noch einen drauf und nehmen uns die Krainer-Wurst weg. Die heimische Wurstkultur wird in Schutt und Schweinefleisch aus der slowenischen Region Krajina gelegt. Ohne Rücksicht auf kulinarische Kollateralschäden. Wenn es ums Essen geht, hört die europäische Freundschaft schneller auf, als man das Wort „Wurst“ überhaupt aussprechen kann. Ein österreichischer Produzent hat bereits reagiert, sich sprachlich von der Käsekrainer verabschiedet und sich anstelle dessen den Markennamen „Käsegriller“ gesichert. Schön für ihn. Aber wie werden die Würstelesser mit dieser Misere fertig werden? Wie umgehen mit der Situation, plötzlich vor dem Wurstwagen zu stehen und dann, Gott bewahre, vielleicht trotzdem noch eine Käsekrainer zu bestellen, obwohl man das so eigentlich gar nicht mehr darf?

Für alle, die nun völlig verunsichert sind und sich die neuen Namen nicht merken können oder wollen, die per Verordnung den nationalen Wortschatz bereichern, habe ich zwei Tipps parat. Erstens: Denken Sie sich einfach Ihren eigenen Lieblingsnamen für bestimmte Produkte aus. Aus der Krainer könnte etwa – in Anlehnung an den gleichnamigen steirischen Ex-Landeshauptmann – das „Landesfürstenwürstl“ werden. Produktnamensuche ist garantiert lustiger als Stadt-Land-Fluss und macht aus jeder öden Familienreunion einen echten Partykracher. Und zweitens: Kriegsherren gibt es auf diesem Planeten genug, also seien Sie nett zu Ihren Nachbarn. Und lassen Sie sich deren Produkte namensunabhängig schmecken. In diesem Sinne: Friede sei mit euch, und mit euren Würsteln.

Verdiene ich jetzt Hiebe oder Liebe? Schreiben Sie mir an stephanie.fuchs@rollingpin.eu

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