F&B

Das Food sei mit dir

Und mit deinem Geiste: Zwischen veganen Weltverbesserern und Superfood-Fans tummeln sich die Fleischverfechter und Food-Festival-Hipster. Ein Versuch der Antwort auf die Frage des Glaubens der neuen Foodamentalisten.
September 22, 2016 | Text: Kathrin Löffel | Fotos: Shutterstock

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Fanatismus im Esszimmer

Muss man im Reisepass neben der Religions- und Staatszugehörigkeit bald auch seinen Ernährungsstil eintragen? Dann bekommen Veganer, Fleischfresser, Smoothieschlürfer, Clean-Eater, Low-Carb, High-Carb, Middle-Carb, Paleo, Nose-to-tail-Allesfresser oder Superfoodies ihr eigenes Abteil im Zug, damit bloß kein Streit entsteht, wer sich jetzt gesünder, umweltbewusster, tierfreundlicher, gesellschaftstauglicher oder einfach mal banal besser als alle anderen ernährt. 
Denn da hat jeder einzelne Mitstreiter seine eigene Meinung. Basierend auf … nichts. Keine Studien beweisen irgendwas. Die Ernährungswissenschaft ist wohl neben der Theologie die schwammigste unter den universitären Lehrgängen. Für (fast) jede Studie, die das eine oder andere Lebensmittel mit positiven Auswirkungen auszeichnet, gibt es mindestens drei – plus einen Brigitte-Artikel –, die das Gegenteil beweisen. 
Fazit dementsprechend (fast) immer: Ausgewogene Ernährung ist der Heilige Gral. Wer sich nur von pflanzlichen Produkten ernährt, wird genauso gesundheitliche Nebenwirkungen zu spüren bekommen wie Menschen, die jeden Abend ein ganzes Wildschwein verschlingen, mit der Begründung, dafür seien die Reißzähne schließlich da.

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Fanatismus im Esszimmer

Muss man im Reisepass neben der Religions- und Staatszugehörigkeit bald auch seinen Ernährungsstil eintragen? Dann bekommen Veganer, Fleischfresser, Smoothieschlürfer, Clean-Eater, Low-Carb, High-Carb, Middle-Carb, Paleo, Nose-to-tail-Allesfresser oder Superfoodies ihr eigenes Abteil im Zug, damit bloß kein Streit entsteht, wer sich jetzt gesünder, umweltbewusster, tierfreundlicher, gesellschaftstauglicher oder einfach mal banal besser als alle anderen ernährt.
Denn da hat jeder einzelne Mitstreiter seine eigene Meinung. Basierend auf … nichts. Keine Studien beweisen irgendwas. Die Ernährungswissenschaft ist wohl neben der Theologie die schwammigste unter den universitären Lehrgängen. Für (fast) jede Studie, die das eine oder andere Lebensmittel mit positiven Auswirkungen auszeichnet, gibt es mindestens drei – plus einen Brigitte-Artikel –, die das Gegenteil beweisen.
Fazit dementsprechend (fast) immer: Ausgewogene Ernährung ist der Heilige Gral. Wer sich nur von pflanzlichen Produkten ernährt, wird genauso gesundheitliche Nebenwirkungen zu spüren bekommen wie Menschen, die jeden Abend ein ganzes Wildschwein verschlingen, mit der Begründung, dafür seien die Reißzähne schließlich da.
Essen ist ein Zufluchtsort, wenn sonst alle Stricke reißen und man sich an irgendetwas festhalten will.
Wobei es da vage Vermutungen gibt, wer weniger lange auf die Nebenwirkungen warten muss. Auch ohne Superfood kann man glücklich und alt werden – und vielleicht sogar ein bisschen reicher als mit den teuren vermeintlichen Allesverbesserern in der Müslischale.
Natürlich gibt es für alles einen mehr oder weniger prominenten Vertreter: Gwyneth Paltrow ist der Superfood-Guru, der sich wünscht, angehimmelt zu werden wie Maria Magdalena herself, weil sie die (pflanzlichen) Erkenntnisse des Jahrhunderts zu Papier bringt, oder Attila Hildmann, der vegane Sportler mit überirdischem Fitnesslevel, oder Kim Kardashian, die 20 Kilo mit der Atkins-Diät verloren und immer noch keinen Charme dazugewonnen hat – alle sind sie so wenig greifbar wie andere Religionsvorsitzenden.
Und alle behaupten sie, das Land, in dem Milch und Honig (beziehungsweise Mandelmilch und Agar-Agar) fließen, gefunden zu haben. Aber wie kann es überhaupt sein, dass sie mit einer mehr oder weniger intelligenten Idee unzählige Anhänger finden?
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Essen ist ein Religionsersatz. Jeder kann sich über seine ganz spezielle Ernährungsweise definieren, profilieren, abgrenzen oder einbringen. Essen ist ein Zufluchtsort, wenn sonst alle (politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen) Stricke reißen und man sich an irgendetwas festhalten will. Klingt ganz wie die Definition von Religion.
Vielleicht kann man den Fanatismus, mit dem manche Nahrungsverwerter an die Sache mit der Energiezufuhr herangehen, mit einem Glauben an eine übersinnliche Macht vergleichen. 

Food hat nicht umsonst so viele Buchstaben wie Gott

Der Begriff Religion kommt aus dem Lateinischen. Religio ist die „gewissenhafte Berücksichtigung“ oder „Sorgfalt“. Die Nähe zum lateinischen Wort relegere besteht zudem. Es heißt „achtgeben“, wodurch sich die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Religion – „die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften“ – ergibt.
Ganz genau so kann man den unerschütterlichen Glauben in die eigene Ernährung beschreiben. Gewissenhaftes Einkaufen in Hinblick auf die eigene Gesundheit, das Tierwohl, die Umwelt, die Nachhaltigkeit. Verrückterweise ist es egal, ob viel, wenig oder gar keine tierischen Produkte gekauft werden, die Nachhaltigkeit und die Gesundheit werden in jeder Ernährungsweise als Grund für ebendiese angegeben. 
Die beschriebene „Beachtung von Vorzeichen und Vorschriften“, die das Wort Religion beinhaltet, erklärt auch im Nahrungsmittelglaube die unzähligen Jünger, die hinter Gurus, Ernährungsweisen oder Neujahrsdiäten hinterherhungern, weil sie selbst das Denken aufgeben. Der Vergleich zwischen Religion und Ernährung beziehungsweise der Ernährung als neuer Religion ist demnach nicht weit hergeholt, sondern durchaus plausibel. 
Weil es keine Beweise für das Gegenteil von Ernährungsüberzeugungen gibt, kann einem auch niemand den Glauben nehmen.
Aber Religion ist mehr als die Einhaltung von Regeln. Religion bezeichnet ein soziales und kulturelles Gerüst, das menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägt und Wertvorstellungen beeinflusst.
Wer sich einmal mit einem überzeugten Veganer unterhalten hat, weiß, wie beeinflusst und geprägt sein Lebensstil von der Ernährung ist. Außer Haus zu essen, fällt schwer, der Einkauf dauert lange, die Internetrecherche zu Produkten, die mit tierischen Hilfsmitteln hergestellt werden, obwohl keine drin sind (beispielsweise die Schönung von Wein mit einer Fischblase oder Non-Food-Artikel, die mithilfe von Tierversuchen produziert wurden) ist ein Zeitfresser und beeinflusst nicht nur durch den zeitlichen Aufwand das Leben. Jeder Schritt, jedes Gespräch, jedes Gefühl ist geprägt von dem Glauben an Gerechtigkeit gegenüber Tieren und der Umwelt. 
Natürlich gibt es weniger fanatische Verfechter in jedem Ernährungsstil, aber die missionarische Aufklärung steckt in jedem drin, der sich einmal tiefer gehend mit einem Thema auseinandersetzt. Das vermeintliche Wissen und dessen Umsetzung stiften Sinn – ob im täglichen Leben oder in einer Diskussion mit Andersdenkenden.
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Man ist etwas wert, weil man in Zeiten politischer Wischiwaschi-Aussagen und wirtschaftlicher Krisen eine Meinung vertritt. Und weil es keine Beweise für das Gegenteil gibt, kann einem auch niemand den Glauben nehmen. Die Nahrungsmittelaufnahme, die doch eigentlich nur ein Energielieferant ist, passiert jeden Tag und hilft jedem – ob nun fanatisch oder nicht–, die moralische Orientierung nach außen zu tragen. 
Wer Ernährung und Religion vergleicht, wird merken, wie nah sich beide Glaubensentscheidungen doch sind. Um nicht miteinander zu streiten über etwas, was so essenziell für die einen und existenziell für die anderen ist, sollte man genauso wie in der Religion ein wenig mehr Rücksicht nehmen.
Wenn jeder glaubt, dass die eigene Ernährungsweise die einzig wahre ist, wird jeder früher oder später in einem eigenen Zugabteil sitzen. Wäre es da nicht sinniger, über Gemeinsamkeiten zu reden als über Unterschiede?

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