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Food Spekulanten

Was steckt hinter den explodierenden Rohstoffpreisen? Sind Spekulanten schuld daran? Auf wen werden Preisschwankungen abgewälzt?
November 13, 2015

Fotos: Shutterstock, Werner Krug
Food Spekulanten

Was den Preisjongleuren an den Warenbörsen vorgeworfen wird, zählt in der internationalen Lebensmittelwirtschaft längst zur Tagesordnung: Spekulation. Ein Wahnsinn: Zahllose Landwirte verkaufen bereits jetzt ihre – noch gar nicht existierende – Ernte für 2011 und machen ordentlich Kohle damit. Bauern sowie Händler lagern Rohstoffe nach der Ernte ein und warten ab, bis ein höheres Preisniveau erreicht ist – erst dann wird verkauft.
In China wird Spekulation im Mini-format betrieben: Seitdem die Knoblauchpreise aufgrund des reduzierten Anbaus explodiert sind, wird die scharfe Knolle als Volksspekulationsware gehandelt. „Jeder, der ein wenig Geld hat, legt es dort in Knoblauch an und zockt damit ab“, verrät Markus Pfarrhofer, Geschäftsführer der weltweit tätigen Gewürzproduktionsfirma WIBERG. Spekulationen fallen für ihn zwar in die Kategorie „modernes Glücksrittertum“, seien aber kein alleiniger Grundstein für die Preisbildung. „Es gibt dafür auch Gründe, die ein Händler oder Konsument gar nie erwägen würde. Wenn etwa der Ramadan im Islam zeitgleich mit der Pistazienernte stattfindet, dann wird dort weniger gearbeitet – deswegen fehlen auf dem Weltmarkt zig Tonnen Pistazien und die Preise steigen ins Unermessliche. Dann erst kommen die Spekulanten ins Spiel.“

„Spekulanten sind Brandbeschleuniger, keine -Verursacher.“

Obwohl Unternehmen wie WIBERG oder auch der österreichische Lebensmittel-Großhändler C+C Pfeiffer das Auf und Ab der Rohstoffpreise direkt zu spüren bekommen, gehen sie weitgehend konform, wenn es um das heikle Thema der Preisübertragung an Gastronomen geht…

Fotos: Shutterstock, Werner Krug
Food Spekulanten

Was den Preisjongleuren an den Warenbörsen vorgeworfen wird, zählt in der internationalen Lebensmittelwirtschaft längst zur Tagesordnung: Spekulation. Ein Wahnsinn: Zahllose Landwirte verkaufen bereits jetzt ihre – noch gar nicht existierende – Ernte für 2011 und machen ordentlich Kohle damit. Bauern sowie Händler lagern Rohstoffe nach der Ernte ein und warten ab, bis ein höheres Preisniveau erreicht ist – erst dann wird verkauft.
In China wird Spekulation im Mini-format betrieben: Seitdem die Knoblauchpreise aufgrund des reduzierten Anbaus explodiert sind, wird die scharfe Knolle als Volksspekulationsware gehandelt. „Jeder, der ein wenig Geld hat, legt es dort in Knoblauch an und zockt damit ab“, verrät Markus Pfarrhofer, Geschäftsführer der weltweit tätigen Gewürzproduktionsfirma WIBERG. Spekulationen fallen für ihn zwar in die Kategorie „modernes Glücksrittertum“, seien aber kein alleiniger Grundstein für die Preisbildung. „Es gibt dafür auch Gründe, die ein Händler oder Konsument gar nie erwägen würde. Wenn etwa der Ramadan im Islam zeitgleich mit der Pistazienernte stattfindet, dann wird dort weniger gearbeitet – deswegen fehlen auf dem Weltmarkt zig Tonnen Pistazien und die Preise steigen ins Unermessliche. Dann erst kommen die Spekulanten ins Spiel.“

„Spekulanten sind Brandbeschleuniger, keine -Verursacher.“

Obwohl Unternehmen wie WIBERG oder auch der österreichische Lebensmittel-Großhändler C+C Pfeiffer das Auf und Ab der Rohstoffpreise direkt zu spüren bekommen, gehen sie weitgehend konform, wenn es um das heikle Thema der Preisübertragung an Gastronomen geht: Gelassenheit und vor allem Kundenfreundlichkeit. Der Gastronom soll nicht den „Schwarzen Peter“ ziehen. Man versucht, vorausschauend einzukaufen und Preisschwankungen nach bestem Gewissen abzufedern. Bei Nespresso Österreich zum Beispiel setzt man ebenso auf langfristige Liefervereinbarungen, um die Kaffeepreise trotz Instabilität auf dem Weltmarkt für den Konsumenten konstant halten zu können.

Kaffeebohnen

>> Die Extremen
Spektakuläres Auf und Ab.

Explodierender Weizenpreis: An der Chicagoer Warenterminbörse stiegen die Notierungen von Weizen im Juli um 42 Prozent – die rasanteste „Weizenrallye“seit Anfang der 70er. Hitzewellen und wochenlange Dürre führten zu massiven Ernteausfällen. Natürlich wurde auch die Diskussion um Preistreiberei durch Rohstoffzocker wieder entfacht.

Kostbarer Kaffeegenuss: Der beliebte kolumbianische Hochland-Kaffee wurde allein im Jahr 2009 um 23 Prozent teurer. Ende August 2010 stieg der Wert von Arabica-Kaffee auf ein fettes 13-Jahre-Hoch auf 3,298 Euro pro Kilogramm. Börsianer machten charttechnische Kaufsignale für die erneuten Kursgewinne verantwortlich. Starbucks, die international größte Kaffeekette, gab kürzlich bekannt, deshalb zu Preissteigerungen gezwungen zu sein.

Sprunghafter Zucker: Der süße Rohstoff ist preislich alles andere als konstant – Schwankungen von 100 nach oben und 50 Prozent nach unten sind keine Seltenheit. Im Jahr 2009 hat sich der Zuckerpreis mehr als verdoppelt.

Eine Station weiter in der Handelskette sitzen Gastronomen wie etwa der Hamburger Sternekoch Karlheinz Hauser (Süllberg). Er fühlt sich von Rohstoffschwankungen kaum bedroht. „In den Mengen, in denen ich Waren einkaufe, haben Preisänderungen auf mein Restaurant so gut wie keinen Einfluss. Ich sehe mich auch nicht gezwungen, Preisänderungen auf meine Kunden abzuwälzen. Außerdem kann ich nur empfehlen, absolute Treue zu Premiumpartnern und Lieferanten zu halten – dabei wäscht eine Hand die andere, somit bekomme ich stets gute Preise.“
Börsenbezogene Sch wankungen werden also von Unternehmern in der täglichen Preispolitik kaum umgesetzt. Demnach brauchen Gastronomen aufgrund von Preisexplosionen an den Rohstoffbörsen nicht in Panik verfallen und vorsorglich das Sparschwein füttern. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass etwa der Weizenanteil an einer Semmel nur fünf Prozent ausmacht und bei Bier weniger als zwei Prozent.

„Spekulantentum ist modernes Glücksrittertum, macht aber keine Preise.“

Jedoch, allein der extreme Sommer 2010 soll in Österreich die Rohstoffpreise zum Explodieren bringen. Die Prognosen: Mehl könnte um 70 bis 80 Prozent teurer werden, Mohn steigt um mehr als 100 Prozent, Kakao um 300 Prozent. Spekulanten nutzen diese naturbedingten Rohstoffschwankungen aus und werden – nicht nur in den Medien – meist als die „Bösen“ hingestellt. Wo diese Spekulanten ihre Finger im Spiel haben, werden schmutzige Geschäfte gemacht. Sie zocken rücksichtslos und nur auf den eigenen Vorteil bedacht, treiben Preise in schwindelnde Höhen – auf Kosten aller: Produzenten, Bauern, Entwicklungsländer.
Nach der spektakulären Weizenpreis-Rallye im Sommer zittert man nun vor der nächsten Treibjagd auf die Rohstoffpreise. Schadenfreudig lachten sich die Medien ins Fäustchen, als sich herausstellte, dass sich „Schokofinger“ Andy Card, der Kakao-Zocker des Jahrhunderts, Ende September verspekuliert hatte. Das mediale Echo: „Das hat er nun von seinen unmoralischen Machenschaften!“

Jonglieren sie mit Lebensmittelpreisen?

Börsenzocker im Lebensmittelbereich

Ist es wirklich so, dass der Wert jeder Tafel Schokolade, jeder Tasse Kaffee, jedes Brötchens von Spekulanten bestimmt wird? Oder ist es gar realitätsfern, den Medien Glauben zu schenken, die die Börsenzocker stets in schlechtem Licht darstellen? Rohstoff-Experten kennen die Antwort: Ja, es ist sogar ziemlich realitätsfern.
Jürgen Kiefer, erfahrener Handelsmakler im Agrarbereich, schildert die Situation an den Warenbörsen aus seiner Sicht: „Spekulanten verstärken in der Regel nur einen Trend, den der Markt in Grundzügen sowieso eingenommen hätte. Angebot und Nachfrage geben die Richtung vor, Spekulanten dynamisieren den Markt.“
Eine Aussage, die auch Lars Kuchenbuch, Geschäftsführer der deutschen Dienstleister- und Brokerfirma KS Agrar bestätigt. „Wenn man die heftigen Preisschwankungen bei Weizen ins Auge fasst, wurden diese primär durch die Dürre in Russland und Kontinentaleuropa sowie den darauffolgenden Exportstopps verursacht. Spekulanten haben die Lage ausgenutzt und als Brandbeschleuniger fungiert.“

„Einschränkungen sollten den Börsenaufsichten überlassen werden.“

Fakt ist – und das gilt für alle Arten von Rohstoffen: Große Preisausschläge nach unten oder oben tragen die Handschrift von Spekulationen. Urauslöser für instabile Preise sind jedoch externe Faktoren wie Naturkatastrophen, witterungsbedingte, schlechte Ernten, Schwankungen bei Angebot und Nachfrage.
Ist das Angebot knapp, steigen die Handelswerte. Ist ein Rohstoff im Überfluss vorhanden, sinkt der Preis. Aber auch bloß geäußerte Vermutungen über zu erwartende Ernteausfälle genügen, um etwa Kaffeepreise auf Gipfelfahrt zu schicken. So sind eben die Regeln des Spiels an den Börsen. Die Leidtragenden sind oft die armen Länder, in denen die Rohstofflieferanten sitzen, etwa Kaffeebauern. Sie profitieren ertragstechnisch nur geringfügig davon, wenn zum Beispiel die Rohkaffeepreise an den Warenbörsen nach oben schnalzen. Auch wenn Spekulationen weitreichend als „Marktmanipulation“ gehandelt werden, betont Broker Jürgen Kiefer: „Hinter Spekulanten verbergen sich keine Dunkelmänner, die aus geheimen Hinterzimmern der Welt Schaden zufügen wollen. Sie versuchen, sowohl in steigenden als auch in fallenden Märkten Geld zu verdienen.“ Seit Jahrzehnten sind dies mitunter auch Pensionsfonds, die zum Teil durch Spekulationen mit Lebensmitteln an den Warenbörsen versuchen, ihren Anlegern eine bestmögliche Altersversorgung zu schaffen.

Überwachung als Gegenmittel?
Die Diskussionen, ob den umstrittenen Spekulanten durch Überwachungsstrategien an den Börsen das Handwerk gelegt werden soll, sind heiß. Vor allem zum Schutz der armen Länder will man nicht, dass die Nahrungsmittel-Zockerei ins Unermessliche steigt. Würde man nach amerikanischem Vorbild vorgehen, würde die Devise lauten: „Big brother is watching you.“
Die dortige Markttransparenz ist hoch, müssen geschlossene Kontakte ab einem gewissen Wert gemeldet und veröffentlicht werden. Nicht so in Europa – noch nicht.

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