Ausgabe 152, F&B Know-how

Wie schmecken eigentlich ... Wunderbeeren?

Kleiner Geschmacksverdreher


Wunderbeeren Fotos: shutterstock

Diesmal ist die Frage nach dem wenig bekannten Geschmack sehr schnell beantwortet: Die besagte Beere schmeckt nicht sonderlich intensiv und erinnert entfernt an Cranberrys oder Moosbeeren. Diesmal geht es aber ausnahmsweise auch nicht um den Eigengeschmack – die Wunderbeere, auch Miracle Berry genannt, begeistert Foodies auf der ganzen Welt, indem sie den Geschmack anderer Speisen manipuliert. Vorausgesetzt, die Nahrungsmittel sind säurehaltig, darauf hat es der magisch anmutende Wirkstoff der Beere nämlich abgesehen. Von diesem Stoff, dem Eiweiß Miraculin, hat die rote olivengroße Frucht jede Menge. Einmal auf den Geschmacksknospen angekommen, zielt das Miraculin wie ein Scharfschütze auf die Rezeptoren, die zwischen süß und sauer-salzig unterscheiden. Bei den sauer-salzigen kennt es dann keine Gnade und legt sie für ein, zwei oder drei Stunden lahm. Dann geht der Taste-twisting-Spaß los: Kostet man Zitronen, schmecken sie süß wie Bonbons, der Schluck Essig wird zu Limonade – diese Versuchsreihe lässt sich nach diesem Prinzip beliebig fortführen, nur, wie gesagt, säurehaltig sollte der Schwerpunkt der für den Test zusammengestellten Variation sein. Weißbrot bleibt nämlich Weißbrot und auch Avocados losen ob ihrer Säurearmut zwischen Essiggurkerln, Kiwis und Gabelbissen auch ziemlich ab.

Sie ahnen nun vielleicht schon das enorme Potenzial der aus Westafrika stammenden Strauchfrucht, die es ob ihrer sehr begrenzten Haltbarkeit von wenigen Tagen bevorzugt auch in der geballten Tablettenform zu kaufen gibt: kalorienarmer Zuckerersatz ohne Nebenwirkung für alle! Das spielt es aber nicht, denn da gibt es Lobbys, denen solche Mätzchen gar nicht passen und die eine Zulassung in den USA und der EU verhindern möchten. Dass man die Miraculin-Pillen trotzdem problemlos im Internet beziehen kann, soll an dieser Stelle Trost spenden. Und zum Abschluss gibt’s gar noch einen Trost obendrein: Wer genug hat vom Flavour-Tripping, greift zu Heißem – Hitze ist das Kryptonit des Geschmacksmanipulators.

14.11.2015