Ausgabe 157, Management-Tipps

Tradition muss modern sein

Heiner Finkbeiner ist Patron des legendären Hotels Traube Tonbach und bekennender Perfektionist: Der 64-Jährige Visionär über neue Projekte, Mitarbeiterbindung und Zugpferd Harald Wohlfahrt.


Hotel Traube Tonbach

Fotos: Wolfgang Hummer, Ulrike Klumpp

Alles für den Gast ...
... lautet die Devise von Heiner Finkbeiner. Seit kurzem hat er ein weiteres Hotel im Portfolio und daher widmet er sich gerade noch intensiver dem Thema Mitarbeiterproblematik. Wie er in Zeiten der Personalkrise 320 Topmitarbeiter hält und beispiellose Karrieren wie die von harald Wohlfahrt fördert, verrät der Traube-Tonbach-Patron im Interview.

Sie haben mit 1. Januar 2014 die Pacht des Schlosshotels Monrepos in Ludwigsburg übernommen. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge und was sind Ihre Pläne mit diesem Hotel?
Heiner Finkbeiner:
Salopp gesagt, legen wir uns ins gemachte Bett: Das Schlosshotel Monrepos bietet seit Jahrzehnten ein sehr anerkanntes Produkt an. Unser Ehrgeiz wird es sein, dessen Qualität ebenso behutsam wie sukzessive zu steigern. Die ersten großen Maßnahmen sind der Umbau und die Renovierung aller Zimmer ab Januar 2015.

Stichwort Qualität: Seit über 220 Jahren befindet sich die Traube Tonbach in Familienbesitz. Wie schafft man es, den traditionellen Charme zu bewahren und trotzdem moderne Maßstäbe zu setzen?
Finkbeiner:
Mir war und ist dreierlei gleich wichtig: nie zu vergessen, wo man herkommt, immer nach vorne zu schauen und offen für Anregungen zu sein. Gute Vorbilder für Inspirationen sind zum Beispiel viele europäische Hauptstädte, allen voran Paris oder London, die ihre Historie im Herzen haben und gleichzeitig vor Innovationsgeist vibrieren. Ich halte es mit Ihrem Landsmann Gustav Mahler, der die Musik aus der Romantik in die Moderne führte: „Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche.“
Angefangen bei Harald Wohlfahrt bis hin zu Pierre Lingelser gibt es ja beispiellose Karrieren in Ihrem Haus. Was ist das Geheimnis?
Finkbeiner: Talente zu erkennen, was mir meine Zeit in jungen Jahre bei Eckart Witzigmann und einigen großen Hoteliers erleichterte, und sie vor allem dadurch zu fördern, dass man ihnen Freiraum zur Entfaltung gewährt.

Auch bei Wohlfahrt sind im Laufe der Jahre unzählige Spitzenchefs hervorgegangen: Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?
Finkbeiner:
Harald Wohlfahrt und ich haben eine sehr ähnliche Leitlinie, was die Förderung talentierter Mitarbeiter angeht: Solidität bis in die Details jeder Arbeit, Ermunterung zur Eigeninitiative, Anerkennung ihrer Fortschritte.

Die Zeiten im Personalbereich sind schwierig: Welche Schwerpunkte wollen Sie in Zukunft im Mitarbeiterbereich setzen?
Finkbeiner:
Der Mangel an motiviertem Nachwuchs ist ja ein branchenübergreifendes Problem aufgrund der demografischen Lücke. Aber auch die solide Ausbildung junger und das Schulen neuer Mitarbeiter bleiben ein zunehmend wichtiges Thema. Und: Gute Mitarbeiter erwarten nicht nur gute Bezahlung, sondern auch ein gutes Umfeld. Deshalb bemühen wir uns nicht nur um die Lebensqualität unserer Gäste während ihrer Ferienaufenthalte in der heimeligen Schwarzwald­idylle, sondern auch um die Lebensqualität unserer Mitarbeiter während ihrer Daueraufenthalte im geruhsamen Tonbachtal. Ich versuche eingedenk meiner Lehrjahre, stets Verständnis für die Ansprüche und Bedürfnisse der jüngeren Mitarbeiter zu haben. Ich weiß sehr wohl, dass Mitarbeiter, die gern bleiben, zum wichtigsten Potenzial der Traube-Zukunft gehören.

Kümmern Sie sich noch persönlich um das Talentmanagement?
Finkbeiner:
Ja, selbstverständlich. Ich handle im Bewusstsein, dass in jedem Menschen ein Talent schlummert. Bei dem einen ist es offensichtlicher, bei dem anderen etwas verborgener. Der richtige Mensch am richtigen Platz eingesetzt ist immer ein Talent.

Sie sind ja nun doch schon seit einigen Jahren in der Branche aktiv. Wie haben sich die Gäste verändert?
Finkbeiner:
Die Gäste sind vor allem durch die Globalisierung anspruchsvoller geworden, denn das Angebot und dessen Transparenz sind viel größer als je zuvor. Hinzu kommt, dass die Aufenthalte der Gäste aufgrund ihrer Interessenausweitung und der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung kürzer als früher sind und deshalb der gewünschte „Urlaubs- und Erholungseffekt“ heutzutage viel schneller einsetzen muss. Unsere Herausforderung ist es also, nachhaltige Erlebnisse auf höchstem Niveau zu schaffen – nicht nur die Küche, sondern alles muss Genuss sein.

Wie buhlt man um die internationalen Gäste, die ja heute per Mausklick eine schier unendliche Auswahl haben?
Finkbeiner:
Eine gute Onlinebuchbarkeit ist ganz besonders wichtig. Darüber hinaus streben wir eine gute Auffindbarkeit in einigen ausgewählten Buchungsportalen an. Was aber nach wie vor an erster Stelle steht, ist die Bewahrung der Qualität, da die klassische Mund-zu-Mund-Empfehlung zufriedener Gäste, die ja heutzutage weltoffen kommunizieren, immer noch sehr gut funktioniert.

Wie wichtig schätzen Sie die Zugkraft von Harald Wohlfahrt für die Anzahl der Buchungen ein? Kann man das sogar vielleicht prozentuell angeben, also wie viele Gäste vor allem wegen eines Gourmeterlebnisses anreisen?
Finkbeiner:
Selbstverständlich hat unser Gourmetrestaurant eine große Strahlkraft, die wir jedoch nicht messen können. Aber die 36 Plätze im Restaurant Schwarzwaldstube können die 300 Betten im Hotel nicht allein füllen, weil 264 Gäste nur von einem kulinarischen Erlebnis träumen möchten. Das volle Hotel bedarf eigener Attraktivität, beispielsweise des 2500 Quadratmeter großen Wellnessbereichs oder der 320 gastfreundlichen Mitarbeiter.

Ihre Empfehlung: Welche Ergebnisse muss ein erfolgreicher Hotelier heute erreichen?
Finkbeiner:
Sein Unternehmen muss so wirtschaftlich arbeiten, dass er bei Investitionen den Gästewünschen zuvorkommen kann.

www.traube-tonbach.de



14.11.2015