Ausgabe 170, Porträts

Der Zweck Pessimist

Zweifelnd zur Institution: Warum Tim Raue auch bei Restaurant Nummer vier die Unsicherheit plagt und er dennoch die internationale Expansion anstrebt.

Tim Raue- der PessimistFotos: Monika Reiter

Mein ganzes Leben ist geprägt von Selbstzweifeln.“ Ein erstaunlicher Satz vom derzeit erfolgreichsten Koch der deutschen Bundeshauptstadt. Gerade erst hat Tim Raue sein mittlerweile viertes Restaurant Studio eröffnet. Die Konkurrenz blickt einmal mehr neidisch zum Gastro-Krösus, der nach seinen Erfolgskonzepten Sra Bua sowie La Soupe Populaire schon wieder mitten ins Schwarze getroffen hat. Und auch im mit zwei Sternen ausgezeichneten Stammhaus ist auf Wochen hin alles ausreserviert. Was man vom stets mit einem launigen Spruch bewaffneten Raue jedoch nicht erwarten würde: Zweifel. Nur zur Erinnerung: Das ist der Typ, der vom ehemaligen Mitglied der Jugendbande 36 Boys zum mit zwei Michelin Sternen leuchtenden Fixstern am deutschen Fine-Dining-Himmel aufgestiegen ist. Doch ganz unter dem Motto „Als Zweckpessimist ist das Leben leichter“ fand er anscheinend einen Weg, durch permanentes Sich-infrage-Stellen immer mit maximal durchdachtem Konzept den bestmöglichen Output zu erzielen. „Ich versuche ganz einfach, mich andauernd zu verbessern. Ob das nun bei neuen Projekten oder im Umgang mit Gästen wie Mitarbeitern ist.“

Restaurants sind laut Raue ein fragiles Gebilde. „Jedes Element ist wichtig!“ Darum verwundert es auch nicht, dass sich Raue Kooperationspartner, Location sowie Nachbarschaft genau anschaut und akribisch analysiert. Keine Spur von selbstsicherem Erfolgshunger: „Jedes Mal frage ich mich wieder, ob wir denn die richtigen Entscheidungen getroffen haben.“ Und die hat er mit seinem neuen Baby in der Rheinsberger Straße anscheinend wieder bis ins kleinste Detail: Im letzten Sommer eröffnete hier die Factory, ein riesiger Start-up-Campus für die digitale Gründerszene. Mozilla-, Twitter- und Soundcloud-Mitarbeiter hauen hier in ihrer deutschen Niederlassung in die Tasten. Und genau dort eröffnete Raue sein Studio.

Edelkombüse
Mittags ist es die bezahlbare Kantine der Internet-Geeks, abends ein gehobenes Restaurant mit 4- bis 10-Gänge-Menüs. Das kulinarische Konzept entspricht dem der Gründerszene – nach und nach den Globus erobern. Zurzeit ist Japan dran. In der Küche werkt Sascha Friedrichs und rockt Gerichte wie...

der Ausnahmekoch

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14.11.2015