Ausgabe 170, F&B Know-how

Kopf über in die Tonne

Lebensmittelverschwendung und Wegwerfgesellschaft: Was hinter den Phrasen der Politik steckt und wie Gastronomen etwas dagegen tun können. Nose to tail statt Rosinenpicken.

Lebensmittelverschwendung und WegwerfgesellschaftFotos: Shutterstock

Ist das noch gut oder kann das weg? Diese Frage wird seltener gestellt als erhofft: So werden tonnenweise Lebensmittel durch Endverbraucher, Supermärkte und Gastronomen entsorgt, obwohl sie noch zu verwenden gewesen wären. In Supermärkten wandern rund fünf Prozent der Lebensmittel, die ein abgelaufenes oder ein nahe liegendes Mindesthaltbarkeitsdatum (infolge MHD genannt) aufweisen, aber noch genießbar sind, aus den Regalen in den Müll. Bei Brot- und Backerzeugnissen sind es sogar bis zu zwölf Prozent und bei Obst und Gemüse zwischen drei und fünf Prozent. Aber halt: Nicht erst im Handel werden noch genießbare Lebensmittel verschmäht. Rund 25 Prozent der Agrarerzeugnisse dürfen gar nicht erst in den Handel, weil sie – unfassbarerweise – nicht schön genug sind. Menschen verhungern, während in westlichen Ländern Normen und Vorgaben für die Krümmung von Gurken und Größen von Äpfeln Landwirten das Leben schwer machen. Detail am Rande: Der Krümmungsgrad der Gurke wurde damals festgelegt, damit im Handel die grünen Stangen besser gelagert werden können. In der Gastronomie werden in Österreich, der Schweiz und in Deutschland zehn bis 14 Prozent der Lebensmittel weggeworfen. Der absolute Buhmann: Otto Normalverbraucher soll für rund 40 Prozent der Lebensmittelabfälle verantwortlich sein. Das ist laut Michael Schieferstein, Koch, FoodFighter und Initiator vieler Veranstaltungen gegen die Lebensmittelverschwendung, eine falsche Zahl: „Deutsche Studien beruhen auf Zahlen des Handels und der Industrie. Dass diese die Schuld weitergeben, ist verständlich – verzerrt aber die Wahrheit. Meinen Hochrechnungen zufolge können bis zu 40 Prozent der Lebensmittelabfälle dem Handel zugeschrieben werden.“
Müll in Zahlen: In der Europäischen Union werden jedes Jahr pro Person durchschnittlich 179 Kilogramm Lebensmittel weggeworfen. Das macht insgesamt cirka 89 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr. Mindestens. Egal, wie viel es tatsächlich ist und wer mehr schuld ist: Das ist ein großer, stinkiger Müllberg, von dem rein rechnerisch alle Hungernden zweimal versorgt werden könnten.
Nicht zuletzt ist es auch Geld, das da Jahr für Jahr im Container landet. Verständlich, dass es bei solchen Umständen Menschen gibt, die sich kopfüber in die Tonne vor Supermärkten hängen, um gute Lebensmittel herauszufischen. Eine kleine – übrigens illegale – Revolte gegen die Großen. Noch einige beeindruckende Zahlen: In Münzen für Restaurants, Groß- und Betriebsküchen ausgedrückt, sind die Mengen an vermeintlichem Müll überwältigend. Der errechnete Durchschnittswert durch – vermeidbare – Lebensmittelabfall-Verluste liegt pro Betrieb bei rund 10.000 Euro pro Jahr an Warenwert, stellt das Pilotprojekt United Against Waste Ende 2014 vor. Dabei wurden 29 Testbetriebe in Österreich unter die Lupe genommen. Insgesamt wurden in den 29 Testbetrieben an einem Erhebungstag 5268 Kilogramm Lebensmittelabfall gemessen.
Der ökologische Fußabdruck macht es noch eindringlicher...

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14.11.2015