Ausgabe 197, Porträts

Der Plan Ferran Adrià

Ferran Adrià ist ein Genie unserer Zeit. Dabei teilt er das Schicksal aller großen Visionäre: Kaum jemand versteht ihn. Ein Besuch im ElBulliLab in Barcelona.

Text: Nina Wessely     Fotos: Helge O. Sommer

Wenn Genie und Wahnsinn zu einer Person werden …

Dass man ins elBulliLab in Barcelona nicht durch eine normale Eingangstür kommt, war irgendwie klar. Es ist ja auch kein normales Bürogebäude, sondern eine Hochgarage. Daher muss man zuerst ein Garagentor manipulieren, dann die Autoauffahrt hinauf stapfen in Richtung einer unscheinbaren Metalltüre. Dahinter tut sich die aktuelle Welt des Ferran Adrià auf.  Keimzelle der Gedanken des Mannes, der, seit er sich 1983 hinter den Herd des elBulli begeben hat, die Gastronomie revolutioniert. Nein, aus den Angeln hebt. Dass er nicht vorhat damit aufzuhören und die letzten Jahre, seit der Schließung des elBulli 2011, auch nicht auf Urlaub war, wird beim ersten Blick in den ausladenden Raum klar: Megaleinwand rechts, ein RiesenBulli-Hund aus Zucker – das Einweihungsgeschenk von Top-Pâtissier Christian Escribà –, Papiere, Zeitschriften, Analysen und Projekte. Überall. Dass hier 40 Leute am Arbeiten sind, hört man nicht. Konzentriertes Tüfteln und Denken auf der Jagd nach Inhalten und Wissen.  „Wissen bringt Freiheit“, bringt es Adrià auf den Punkt. „Nur wer versteht, kann kreieren.“ Sonst fehlt einem die Basis. Klar. Verstanden. „Ich war nie frei. Die Leute haben mich für einen Dämon gehalten, als ich mit meiner Dekonstruktionsküche begonnen habe“, meint er, während er beiläufig erwähnt, dass er diese mit dem heutigen Wissen eigentlich Kubismus hätte nennen müssen. Um zu kreieren, musst du verstehen, und um zu verstehen, musst du wissen.
Ferran Adrià über kreatives Schaffen  Die Definition seiner Küche und die der Kunstform Kubismus seien dieselbe, so Adrià, der sich hinter den großen Escribà-Hund und vor einer Wand, an der sämtliche Projekte des Universums Soler-Adrià ausgestellt sind – und das sind einige –, in den Sessel setzt. „Die Leute verstehen nicht“, seufzt der fast milde wirkende Visionär. Es scheint, als habe er eingesehen, dass er, damit die Welt ein bisschen mithalten kann, langsamer sprechen muss. Gedanklich.

13.10.2016