Ausgabe 202

Skandal im Stall

Wenn Tierzucht zur skandalösen Freakshow wird: Wie entstellte Muskelbullen, kranke Masthühner und gedopte Schweine für Profit ­gequält und ausgebeutet werden.

Fotos: Shutterstock

Die Bodybuilder-Kuh: Weißblaue Belgier

Wie weit darf Tierzucht gehen? Wo liegt die Grenze zwischen recht und schlecht? Fragen, die Produzenten, Gastronomen, Tierschützer sowie Konsumenten seit vielen Jahren eindringlich beschäftigen.

Auch wenn mittlerweile viele Tierzüchter großen Wert auf artgerechte Haltung und respektvollen Umgang mit ihren Tieren legen, gibt es immer noch schwarze Schafe, bei denen Profit über allem steht.

Für diese wenigen Ausnahmen bietet unsere schöne neue Welt leider eine Vielzahl an Hightech-Möglichkeiten, um Nutztiere in kürzester Zeit kräftiger und effektiver zu mästen.

Zwischen Fluch und Segen, Profit und Qualität stehen die Freaks der Tierwelt auf dem Prüfstand. Wenn eine Kuh plötzlich aussieht, als würde sie täglich fünf Stunden im Fitnessstudio ihre Muckis aufpumpen, Hühner in 24 Wochen auf 25 Kilogramm Kampfgewicht gemästet und Schweine mit Stutenblut gedopt werden, darf man sich getrost die Sinnfrage stellen.

„Es gibt eine Million Tiere auf der Welt, die ich verkochen kann. Da muss ich mich nicht auf Rinder wie den Weißblauen Belgier stürzen“, bringt es Fleisch-Papst und High-End-Rinder-Züchter Lucki Maurer kurz und knackig auf den Punkt. Denn Moral soll nicht nur, sondern muss ein Kriterium in der modernen Tierzucht sein.

Der Schwarzenegger-Bulle

Die unangefochtene Nummer eins der tierischen Freakshow sind ganz klar die Weißblauen Belgier. Ein angeborener Gendefekt, von Wissenschaftlern hämisch als „Schwarzenegger-Gen“ betitelt, lässt die Rinder reine Muskelmasse aufbauen – ohne dabei viel Fett anzulegen.

Auch wenn das wie der wahr gewordene Traum aller Bodybuilder klingt, leiden die riesigen Muskelbullen große Qualen. Für Züchter der fragwürdigen Fleischrasse scheinbar ein notwendiges Übel, das in Kauf genommen wird.

Über Generationen hinweg wurden immer wieder die kräftigsten Bullen weitergezüchtet, bis nur noch die belgische Super-Kuh übrig geblieben ist.

Bei diesen Tieren wird das Protein Myostatin, das normalerweise das Muskelwachstum hemmt, kaum hergestellt. Ein Gendefekt, den die Züchter schätzen, denn die Tiere setzen wesentlich weniger Fett an und liefern dafür bis zu 25 Prozent mehr Muskelmasse bei zehn Prozent weniger Knochen.

Das Resultat sind extrem magere Steaks, die beinahe ausschließlich aus Muskelmasse bestehen – geschmacklich kein Vergleich zum kulinarischen Hochgenuss eines kitschig schön marmorierten Steaks von beliebten Rassen wie Wagyu, Black Angus oder Charolais.

Gleichzeitig zeigen Züchter dieser Spitzenrassen, dass der Zweck nicht die Mittel heiligt. Dass, wer sich mit Respekt den Tieren annimmt, in puncto Qualität tausend Mal mehr erreichen kann.

Von liebevollen Streicheleinheiten, saftigen Weiden und geräumigen Boxen können die belgischen Rinder allerdings nur träumen. Für die animalischen Muskelprotze ist ihre Existenz ein einziger Leidensweg, der schon bei der Geburt ihren Lauf nimmt.

Ohne Schmerz kein Preis

Eine normale Geburt ist für die entstellten Rinder ohnehin nicht mehr möglich, weil die ungeborenen Kälber bereits zu groß für das Becken ihrer Mutter sind. Also müssen die Jungen per Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden.

Viele Kälber werden dabei als Missbildung geboren und überleben die ersten Wochen nicht einmal. Nach fünf Eingriffen ist die Mutterkuh nicht mehr für weiteren Nachwuchs geeignet und wird auf die Schlachtbank geführt.

Ausgewachsene Stiere bringen bei einer Widerristhöhe von bis zu 150 Zentimetern knapp 1300 Kilogramm auf die Waage – das Gehen fällt ihnen aufgrund ihrer wuchtigen Masse sichtlich schwer. Kein Wunder.

Das ist wie Gänsestopfleber. Da hat keiner mehr Bock drauf.

Lucki Maurer über Weißblaue Belgier

Bei den meisten Exemplaren können das Skelett sowie die inneren Organe der überdimensionalen Muskelmasse nicht standhalten und verformen sich. Auf Ausstellungen werden ihre Defizite natürlich gekonnt kaschiert.

Dafür wird ihnen sprichwörtlich der Arsch rasiert, um die blanke Muskelmasse für Schaulustige noch plakativer zu inszenieren. Gezüchtet werden die Arnies unter den Rindern vor allem in Belgien.

In Deutschland wird nicht reinrassig gezüchtet. Hier werden die starken Bullen für Kreuzungen verwendet, um mageres Rindfleisch zu erzeugen.

Dass das Leiden der Weißblauen Belgier leider kein Einzelfall ist, bestätigt ein Blick über das Scheunentor. Sie müssen Federn lassenIn den letzten Jahrzehnten waren es vor allem die Missstände in der Geflügelzucht, die immer wieder für Aufregung gesorgt haben.

Ob Salmonellen oder die qualvolle Haltung von Hühnern in Legebatterien, für das Geflügel gab es wenig Grund zur Freude. Und auch wenn mittlerweile viele Reglementierungen zur artgerechten Haltung geschaffen wurden, fanden Mastbetriebe immer wieder einen Weg, ihren Profit auf Kosten der Tiere zu maximieren.

Mastputen, die in 24 Wochen bis zu 25 Kilogramm zunehmen und zusammengepfercht in Massenhaltung dahinvegetieren, können ein trauriges Lied davon gackern.

Blutblasen an den überdimensionalen Brustmuskeln, Fußballenentzündungen und Infektionen gehören für das gemästete Geflügel zum grauen Alltag. Leider für viele immer noch nicht Grund genug, im Supermarkt das 2-Euro-Hühnchen zu verschmähen.

Dass es auch anders geht, beweist beispielsweise das französische Gütesiegel Label Rouge, das seit vielen Jahren höchste Produktqualität mit artgerechter Tierhaltung vereint –und das mit viel Erfolg.

Schwein sein

Ob die deutsche Popband Die Prinzen mit ihrem gleichnamigen Hit aus den 90er-Jahren bereits eine böse Vorahnung hatte? Plötzliche Todesfälle und Herz-Kreislauf-Schwächen sind unter Mastschweinen leider keine Seltenheit mehr.

Warum? Eine einfache Rechnung: Auf Mastfarmen legen die Tiere täglich bis zu 800 Gramm pro Tag zu. Vor einigen Jahren waren es noch knapp 600 Gramm pro Tag. Eine bedenkliche Entwicklung. Damit ist das Ende der Fahnenstange bei Schweinen allerdings bei Weitem noch nicht erreicht.

Von einem Skandal zu sprechen, wenn es um das Hormon PMSG geht, wäre noch eine Untertreibung. Was wäre, wenn man trächtigen Stuten in Südamerika Blut abzapft, es zu Pulver verarbeitet und nach Europa schickt?

Und dort würden es Tierärzte Muttersäuen injizieren, um die Geburten für industrielle Massenschweinehaltung zu takten. Das würde doch niemand ... Oder doch?

Einer, der sich diese Blutfarmen zur Brust genommen hat, ist der Vorstand der Animal Welfare Foundation York Ditfurth. Seit vielen Jahren ist er immer wieder in Argentinien, Brasilien oder Uruguay unterwegs, um diese Missstände in die Welt hinauszutragen. Im Interview erklärt der Tierschützer, was es mit dem umstrittenen Hormon PMSG auf sich hat.

24.02.2017