Ausgabe 207

Backstage @ CHEFDAYS

Schnaps, eine Tischlampe und die Suche nach dem perfekten Glas: Ein Blick hinter die Kulisse des Foodsymposiums.

ZWISCHEN DIVA-MENTALITÄT UND SCHNAPSSCHNULLER

Wenn man ein Event wie die CHEFDAYS veranstaltet, dann hat man nach drei Jahren gewisse Erfahrungswerte. Anlieferungen, Aufbau, Einteilung der Helfer aus dem Büro … das alles ist teilweise nervenaufreibend, aber nichts neues. Was hingegen jedesmal wirklich mit absoluter Sicherheit nicht vorherzusehen ist, das sind die Extras und Sonderwünsche der Keynote-Speaker – die vorab nicht bekannt gegeben wurden. Deswegen bleibt das Mantra bei uns: „Flexibel bleiben im Geiste und immer Turnschuhe tragen“. Dass die Jungs, die für den Shuttledienst verantwortlich sind, eine eigene WhatsApp-Gruppe haben bei all den zeitlichen Verschiebungen und Änderungen, gehört schon zum Standard. Hier unsere Nummer 1: Virgilio Martinez. Wir überlegen ihm einfach Taxigutscheine zuzustecken … machen wir natürlich nicht, sondern planen gefühlt alle 20 Minuten die Fahrer neu ein.

Auch in diesem Jahr wieder gibt es ihn. Den Anführer in Sachen Sonderwünsche. Und nicht, dass wir uns nun falsch verstehen. Keiner der Speaker ist dabei ungehalten, unangenehm oder eine charakterliche Fünf. Halt ein bisserl anstrengend kann das werden. Und eben heuer war es Massimo Bottura. Seines Zeichens Nummer 2 der World’s 50 best Restaurants, 3-Sterne-Koch und in gefühlten 26 Projekten gleichzeitig verwickelt. In wenigen Tagen etwa wird er das Refettorio Felix in London eröffnen, das zweite Food for Soul Projekt außerhalb Italiens, das eine Kombination aus durchdesignter Suppenküche und kulinarischer Aufbereitungsanlage der weggeschmissenen (aber noch zu gebrauchenden) Lebensmittel des London Food Month ist.

Jedenfalls Massimo. Sein Auftritt ist das Highlight des zweiten Tages der CHEFDAYS. Die Video-Einspieler, die für jeden Speaker und ergo dessen eben auch für Massimo Bottura in akribischer und nächtelanger Arbeit vorbereitet wurden, alles ist ready für den großen Auftritt. Tja. Und dann kommt es anders als gedacht. Bottura, selbst Connaisseur der großen bildenden Künste und der Contemporary Art, hat seine eigene Vorstellung wie sein Auftritt laufen soll. Und das teilt er uns 14 Minuten vor Beginn der seiner Show mit. Dass er nun doch kochen möchte und nicht nur einen Vortrag halten wird, das wussten wir immerhin schon 48 Stunden davor.

Es muss dunkel sein

Der Plan also ist nun folgender. Anstatt unseres 100 Sekunden-Countdowns gibt es mal nichts. Der wird aus dem Programm geschmissen. Dafür soll es von der einen auf die andere Sekunde dunkel werden. Komplett. Dann will Massimo sein Manifest über Kreativität aus dem Off vorlesen. Problem: Wenn es finster ist, dann kann er auch nichts vorlesen. Wir gehen die Möglichkeiten durch: Den Kerzenständer aus der ROLLING PIN LOUNGE klauen wird wegen Feuerpolizeilichen Gründen verworfen, die Taschenlampe des Mobiltelefons ist nicht gut genug. Schließlich wird es die Tischlampe von Messe-Projektleiterin Sara.

Mittlerweile ist es 16:04. Und von den 750 Stühlen im Auditorium ist keiner mehr frei, auch die Bänke auf den Seiten sind besetzt, die Leute sitzen auf dem Fußboden. Jeder möchte dass es losgeht. In dem mit schwarzen Vorhangstoff abgetrennten Bereich neben der Bühne sitzt nun ein hochgradig nervöser aber gleichzeitig fokussierter Massimo Bottura. Auf sein Kommando versuche ich mit der sonorsten Stimme, die ich hinbekomme, meinen von ihm aufgetragenen Satz zu inszenieren: „Ladies and Gentleman, and now the next Speaker“. Dann folgen zwei DIN A4 Seiten vorgetragen von Bottura in eindringlicher Weise und leider können die Leute im Publikum seine mitreißenden Gesten nicht sehen. Sein letztes Wort ist dann wieder mein Stichwort. „And now Welcome on stage Massimo Bottura“. Und der italienische Maestro tritt unter tosenden Applaus ins aufflammende Bühnenlicht. Bottura ist auf der Bühne. Zufrieden und zieht eine grandiose Performance ab. Hackerl. Und ein High Five für alle.

NERVOSITÄT IST ALTERSUNABHÄNGIG

Dass Massimo Bottura vor seinem Auftritt ein bisschen Nervenflattern hat, fand ich sympathisch, wenn auch überraschend. Man möchte meinen, dass ein Mann seines Kalibers, einen Bühnenauftritt locker nimmt. Aber weit gefehlt. Die Küchenhelden unserer Zeit sind eben auch nur Menschen. Das Ranking führt in diesem Jahr aber ein anderer an. Willem Hiele. Der Hüne aus Flandern ist fertig mit und in seiner Welt. Deswegen muss auf die Schnelle eine altbewährte Lösung her: Alkohol. Ich erinnere an die Turnschuhe, die die gesamte ROLLING PIN-Crew trägt. Die leisten jetzt gute Dienste, ich laufe zweimal zwischen Bühne und Red Bull-Bar hin und her. Es wirkt und Willem sahnt Mega-Sympathie-Punkte beim Publikum ab und ich nenne es die „sweetest silent cooking show der CHEFDAYS ever ever ever“. Als Willem die Bühne verlässt hat er Tränen in den Augen. Man möchte ihn einfach nur umarmen. Das erledigt die Flandern-Crew und diese feiert als Gesamttross zwei Tage durch. Aber immer mit Stil.

Thomas Rode Andersen. Das Tier unter den CHEFDAYS-Keynotespeakern und durch Crossfit und Paleodiät mit einem gestählten Körper gesegnet. Außen hart und innen ganz weich, singt bereits Herbert Grönemeyer, und hat damit das Lied für Thomas geschrieben. Im Vertrauen und bei einem Kaffee – Alkohol gibt es für ihn erst nach der Show – erzählt er, dass er ein Gedanken den Auftritt mindestens schon viermal genagelt hat, weil er Angst hat zu enttäuschen. Ich kann versichern: Hat er nicht und seine „meatza“, eine Fleischpizza mit Rinderhirn wird ihm – trotz meiner Warnung, dass wir keine Verantwortung für Folgeschäden übernehmen – aus den Händen gerissen.

MEHR ESSEN FÜR ALLE

Was aber von meinem kleinen abgedunkelten Kabuff hinter der Bühne am besten zu beobachten war: Das Glitzern in den Augen der Gäste, wenn die CHEFDAYS-Speaker ihre Vorträge mit Kostproben untermalten oder sogar Leute auf die Bühne bitten, um dort zu essen. Bei Linda und Filip Langhoff wäre das fast schief gelaufen, denn Linda brauchte unbedingt Gläser einer bestimmten Marke für das Setup. Die wir natürlich nicht hatten. Glücklicherweise stellte sich heraus, dass ich genau vier Gläser davon zu Hause habe. Problem gelöst …

Tim Raue, 2-Sterne-Koch aus Berlin, verteilte bereits im letzen Jahr knapp 300 Portionen seiner Jakobsmuschel ins Publikum. Diesmal meinte er, dass 500 Portionen seiner Interpretation eines asiatischen Salates mit Krustentier, Limonenblatt und Pomelo reichen müssten. Schließlich sei sein Vortrag der allererste, da wisse man nicht, ob bereits das Auditorium voll sei. Tja. War er … bis auf den letzten Platz und die Metrokisten mit den Ausboxen binnen weniger Sekunden vergriffen. Was lernen wir daraus: In Berlin, wenn die CHEFDAYS dort am 11. und 12. September erstmals stattfinden, wird es wohl mehr Portionen geben …

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07.06.2017