Ausgabe 212

Mono-Fetischismus

Was ist dran an der Sache mit Single-Product-Läden und warum stehen Gäste darauf, keine Wahl mehr zu haben?

Text: Andrew Fordyce     Fotos: Bun House, © Andrea Flak Fotografie, Marleen Visser, KOENIGSHOFER / Grand Ferdinand, FreiGeist, The Cheese Bar, Martin Hörmandinger, Stephanie Woolf, Black Roe Poke Bar & Grill/London, Burger & Lobster, Ikinari

Nur ein Pilz. Allerdings der französische Food-Klassiker. Seit 1932. Maison de la Truffe macht es vor. Über 85 Jahre bestimmt hier die schwarze Perle, die Trüffel, das Menü. Damit ist das Maison de la Truffe wohl eines der ältesten Single-Product-Restaurants der Welt (www.maison-de-la-truffe.com).

Das richtige Konzepte-Salz: Thomas Vetter hat mit seiner Sardinen.bar in Berlin deutschlandweit das erste Feinkostbistro speziell für Fischkonserven eröffnet.

Der neue Trend in der Gastroszene ist also bei Weitem nicht so neu, wie mancher auf den ersten Blick glauben mag. Fish’n’Chips, Pizzerien, Steakhäuser … Mal Hand aufs Herz. Sie gehören alle mehr oder weniger in die Kategorie Single-Item-Restaurants. Von dem ersten Fish­’n’Chips hört man um 1860 reden. Somit ist der Trend auch auf den zweiten Blick keiner und erst recht nicht auf den dritten. Da offenbart sich, dass er heutzutage oftmals sogar aus purer Not geboren ist.

Die Speisekarten mancher Restaurantbesitzer lesen sich, als wollten sie sich mit einem Überangebot zu „Everybody’s Darling“ machen und jeden Geschmack treffen. Das endet oft mit dem Ergebnis „Viel, aber nix Gscheids“ und kostet ja auch nicht wenige die Existenz. Genau da setzen Restaurant-Retter wie Rach, Rosin & Co meist als Erstes an: Sie zücken den Rotstift und streichen das Menü kurz und klein. Ziel: weniger Gerichte, mehr Qualität, leichter zu händeln, bei weniger Kosten – aber irgendwie besonders muss es sein.

Jetzt kommen wir der Sache mit dem Hype um den Pseudotrend, der mit Weitblick letztlich doch ein echter Trend ist, näher. Denn Mono-Food ist nicht monoton oder mit fad gleichzusetzen, sondern fordert Fantasie hoch x. Ob es sich dabei nun um die besagte Trüffel oder die bescheidenen Pommes de Terre handelt, bleibt sich gleich. Wie und dass es funktioniert, zeigen zahlreiche Single-Produkt-Konzepte.

Besonders praktisch

Manche Kunden lieben es, entmündigt zu werden, wenn es die Entscheidung vereinfacht. Sie stehen darauf, dass nur ein Blick auf die Karte reicht, um mit ebensolchem das Angebot zu erfassen. Danach mit dem Finger auf das sich selbst erklärende Gericht tippen und dazu der Spruch „Das da!“. Fertig und prost.

Viel Auswahl kostet viel Zeit, die heutzutage die meisten Menschen, vor allem während der Lunch-Zeit, nicht mehr haben. Erst kommt das Studium der Speisekarte, dann muss der Ober das eine oder andere erklären und zuletzt der härteste Teil: die Qual der Wahl. Entscheidungsmüde gehen gerne gleich zur Bestellung über und freuen sich über mehr Zeit für den Verzehrgenuss.

Manche Kunden möchten entmündigt werden. Viel Auswahl auf der Karte bedeutet Viel Zeitaufwand.

Das ist der Trend der Zeit, von der so gut wie alle mehr und mehr getrieben und daher dankbar sind, wenn sie diese als Quality Time erleben können. Auf die Spitze getrieben hat es das Konzept Burger & Lobster in London (www.burgerandlobster.com), wo es zeitweise gar kein Menü gab. Die Bedienung zählte einfach auf, was die Küche zwischen Burger und Lobster hergibt.

Heute ist das Menü immer noch sehr übersichtlich: Burger – vier Variationen –, Lobster, Lobster Roll – zwei verschiedene – und zwei Combo-Möglichkeiten. Geboren wurde die Idee von vier Schulfreunden, die 2011 ihr erstes Restaurant gründeten. Heute sind es neun Locations in London, eine in Manchester und weltweit sieben weitere.

21.09.2017