Ausgabe 213, Porträts

Ana Roš: Die Nummer eins der Welt

Die Tage von Billig-Benzin-Touris im slowenischen Restaurant Hiša Franko sind schon lange gezählt: Ana Roš über familiären Erwartungsdruck, darüber, warum Kochen nichts für Idioten und der Feminismus in Küchen fehl am Platz ist.

Text: Daniela Almer     Fotos: Claudio Martinuzzi, Robert Ribic, Suzan Gabrijan

Ehre, wem Ehre gebührt

Gefeierte Skifahrerin im ehemaligen jugoslawischen Nationalteam, angehende Diplomatin und dann der Sprung ins kalte Wasser: Gemeinsam mit ihrem Ehemann Valter Kramar übernahm Ana Roš im Jahr 2000 das Landgasthaus der Schwiegereltern im slowenischen Kobarid und startete ihre Karriere als Küchenchefin – ohne je professionell gekocht zu haben.

Nach dem Motto „Learning by Doing“ etablierte sie das Restaurant Hiša Franko mit einer produktfokussierten Regionalküche zur FineDining-Destination. 17 Jahre später wird Roš mit der Auszeichnung „The World’s Best Female Chef“ geadelt. Der Weg dorthin war aber kein leichter, wie sie im Interview verrät.

Wie ist es, als beste Köchin der Welt ausgezeichnet zu werden? Was war Ihre erste Reaktion, als Sie davon hörten?
Ana Roš: Anfangs war es eine Überraschung. Damals und auch heute noch denke ich, dass es zu früh war. Weil ich einfach glaube, dass noch sehr viele Dinge gemacht werden müssen. Gleichzeitig fühlte ich mich aber auch geschmeichelt und stolz, weil so viele Küchenchefs, Meinungsmacher und Journalisten für uns gevotet haben. Letztendlich hat das Geschmeicheltsein überwogen, vor allem da wir den Award für eine gute Sache nutzen können. Zum einen wird damit Slowenien als kulinarische Destination international verankert. Zum anderen können wir mit der Auszeichnung viel für die Frauen in unserer Branche tun.

Was, glauben Sie, ist die Rolle von weiblichen Küchenchefs heutzutage?
Roš: Das ist eine gute Frage. Ich finde, dass sich der Feminismus in den letzten paar Jahren in unserer Branche breitgemacht hat, was ich persönlich als falsch erachte. Wir müssen nicht die Emanzipationskeule schwingen, denn es ist praktisch unmöglich, in den Küchen Gleichberechtigung zu fordern. Weil Frauen einerseits die traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter innehaben und andererseits erfordert die Arbeit in der Küche völlige Hingabe. Das bedeutet: kein 8- oder 12-Stunden-Arbeitstag, sondern 16 oder 17 Stunden täglich. Wir haben bereits viel in unserer Branche geschafft und können wirklich stolz auf uns sein. Und ich habe auch den Eindruck, dass vor allem die männlichen Kollegen immer stolzer auf ihre erfolgreichen Kolleginnen in der Küche sind. Weil sie realisieren, um wie vieles schwieriger dieser Job für eine Frau ist, da diese meist das Gefühl hat, sich zwischen Arbeit und Familie entscheiden zu müssen. Eine Wahl, die ein Mann im Übrigen nie treffen muss. Ich beobachte, dass immer mehr Frauen sich gegen eine Familie entscheiden, weil sie kochen wollen, was ich ehrlich gesagt auch falsch finde. Ich glaube einfach, dass ein Kompromiss zwischen Familienleben und dem Arbeiten als Köchin möglich ist. Man muss dafür nur stark genug sein. Ich bin der Beweis dafür, dass es möglich ist.

Kochen ist nichts für Idioten!

Ana Roš über unantastbare Tatsachen

Welchen Rat würden Sie also Frauen geben, die eine Karriere in der Küche anstreben?
Roš: Als Erstes: Vergesst die romantischen Vorstellungen, mit denen dieser Beruf in den letzten Jahren verklärt wurde. Der Welt der Küchenchefs wurde gesellschaftlich ein Rockstar-Status verpasst. Aber Köche können keine Rockstars sein. Weil wir es uns einfach nicht leisten können, bis acht Uhr morgens Party zu machen und bis Mittag zu schlafen. Wir müssen hart arbeiten. Man muss außerdem wissen, dass man sich die ersten 15 Jahre seines Berufslebens völlig der Küche verschreiben muss, um zu bestehen. Das ist allerdings bei Karrieren generell so und kein Spezifikum unserer Branche. Aber der Wettbewerb in unserem Business – und der kann schon im Kleinen erwachsen – ist oft ziemlich hart. Und Frauen sollten darauf gefasst sein, wenn sie sich für den Beruf entscheiden.

Gefeierte Skifahrerin im Nationalteam des ehemaligen Jugoslawiens, erfolgreiches Tanz-Studium und angehende Diplomatin in Brüssel – Ihr Vater soll lange Zeit nicht mit Ihnen geredet haben, weil Sie sich für den Kochberuf entschieden haben.

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12.10.2017