Ausgabe 213, F&B Know-how

(R)Evolution im Glas

Emotional Economy: Alles über den gehypten Megatrend, die abgefahrensten Barkonzepte und darüber, warum der Barkeeper 2.0 jetzt mit der Psyche seiner Gäste spielt.

Fotos: The Connaught Bar, Britta Jaschinski, Joris Haas Fotografie, Little Link, Marcus Peel, Ann Charlott Ommedal, Andreas Kolarik

Jedes Jahr aufs Neue quält sich eine kleine, aber feine Elite aus den besten Mixologen, Produzenten und Experten der Barszene mit der Mutter aller Fragen: Quo vadis, Cocktail? Wohin geht die Reise 2018? Welche Produkttrends folgen auf den (endlich) abklingenden Gin-Hype? Wodka, Whiskey und Co. scharren in den Startlöchern und sagen der jahrelangen Schreckensherrschaft des gemeinen Wacholderschnapses den Kampf an.

Dabei scheint es, als würde die Zukunft aber nicht unbedingt einer Marke oder einem bestimmten Produkt gehören, wie das in den letzten Dekaden stets der Fall war, sondern dem Gefühl. Wie jetzt? Gefühle kann man also trinken? Na klar! Emotional Economy heißt das Zauberwort und es ist das überraschende Ergebnis des wohl größten Cocktail-Thinktanks unseres Planeten. Und der muss es schließlich wissen.

Emotional Economy

The World Class: Future of Cocktails, eine Initiative des Getränke-Riesen Diageo, geht in einem 31-seitigen Cocktail-Manifest gemeinsam mit Bargranden wie dem langjährigen 50-Best-Bars-Leader Alex Kratena oder Operation-Dagger-Mastermind Luke Whearty genau diesem befremdlichen Megatrend auf den Grund. Ob ein lauer Sommerabend mit Freunden am See oder doch die romantische Kaminfeuerstimmung in der Berghütte in trauter Zweisamkeit, künftig sollen solche hoch emotionalisierten Ereignisse mithilfe moderner Algorithmen, exotischer Zutaten und raffinierter Düfte im Glas den Hippocampus seines Trinkers triggern. Luke Whearty, Chef der Operation Dagger Bar in Singapur, bringt es knackig auf den Punkt: „Wer bin ich, Ihnen zu sagen, wie Sie Ihren ‚Old Fashioned‘ trinken sollen?

Ich mag meinen so und andere anders. Warum sollten Leute also in eine Bar gehen, um etwas zu trinken, was sie zu Hause haben können. Ich will ihnen etwas bieten, was sie zu Hause nicht haben können.“ Frei nach dem Motto „Der Gast hat nicht immer recht“, kredenzt der Star-Barkeeper in seiner Kultbar Cocktails im Omakase-Style und schickt seine Gäste mit genialen Kreationen und abgefahrenen Pairings auf einen emotionalen Rollercoaster-Ride. Signature Cocktails wie Dangerous Water entführen dabei wohl eher auf eine wilde Verfolgungsjagd aus der Rubrik James Bond und sind designt, bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Der Gast soll seinen Barbesuch wie einen Urlaub im Gedächtnis behalten und so Zuflucht vor dem hektischen Alltag finden. Dass Farben gewisse Emotionen hervorrufen können, ist weitläufig bekannt. Im Seymour’s Parlour London setzt man sogar noch einen drauf und sorgt durch assoziative Gerüche für Flashbacks: Mit geräucherter Kiefer Herbstgefühle wecken, Düfte von frisch gemähtem Gras sollen beim Gast den Frühling aufblühen lassen und ihn so auf eine Reise zurück in seine Kindheit schicken. Alles Kinderkram, wenn es nach den Machern der East London Juice Company geht.

In der britischen Saftbar werden nämlich ausgewählte Drinks mit dem Hormon 5-HTP beflügelt. Das Happy-Hormon hebt den Seratonin-Spiegel an, der bei Menschen Glücksgefühle auslöst und Wunder gegen Angstzustände wirkt. In Sachen Emotional Economy spielen aber nicht nur perfekt austarierte Zutaten, die mit der Psyche spielen, eine gewichtige Rolle, auch Themen-Bars schlagen erbarmungslos in diese Kerbe. Das Cape Collins in Stuttgart hat sich beispielsweise ganz und gar dem Weltraum verschrieben und beamt Gäste in der spacigen Location direkt ins All.

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12.10.2017