Ausgabe 214

Hans Reisetbauer: Hochgeistiger Haudegen

Er brennt für jedes seiner kleinen handverlesenen Früchtchen und ist der Brenner für die Feingeistigkeit am Fine-Dine-Table: Hans Reisetbauer ist die personifizierte trinkbare Leidenschaft.

Fotos: Claudio Martinuzzi

Was in deutschsprachigen Gefilden einzigartig ist, wird ja gerne mal mit klerikalen Nominalitäten versehen. Deswegen ginge für Hans Reisetbauer der hocheminente Vulgoname „Schnapspapst“ runter wie die feinen Schlieren des mit 100 Punkten bewerteten Rote Williams 2015 am Glasrand nach einem kräftigen Schluck.

Allerdings bleiben wir hier lieber im Konjunktiv. Denn Hans Reisetbauer ist ein absoluter Könner, Kenner und König des Brennens. Wer ihn allerdings kennt, weiß, dass ihm Genuss, Lust und Genießertum näher sind als alle Sakramente zusammen. Falsche Heiligkeit ist ihm zuwider, Speichellecker sowieso. Ein verwegener Himmelshund ist er, ein brillanter Unternehmer und ein absolut ehrlicher Michel. Sein Wort zählt, sein Handschlag ein unbrechbares Siegel.

Klinkenputzen für den Erfolg

Als Reisetbauer vor mehr als 20 Jahren begann, aus dem elterlichen Landwirtschaftsbetrieb die modernste Schnapsbrennerei Österreichs zu etablieren, war von dem Standing, das er heute hat, noch nichts da. Der bis heute wachsende Erfolg ist durch reine Handarbeit aus jeder einzelnen Marille, Birne, Quitte oder auch Himbeere selbst herausdestilliert.

Begonnen bei 100 Flaschen im Jahr, beziffert sich die zu verarbeitende Menge mittlerweile auf 600 Tonnen Frucht im Jahr und eine totale Summe an bis dato abgefüllten Flaschen von vier Millionen. Doch es war lediglich eine Anzahl von genau zwölf Flaschen, die die Wende und den Einstieg ins Business bedeuteten.

Die Zutaten zu der prägenden Anekdote: Destillata 1995, ein unbedarfter Hans Reisetbauer und Heinz Reitbauer sen. Letzterer orderte Williams für das Steirereck und damit hatte der Jungunternehmer den Fuß in der Türe der Fine-Dine-Abteilung der Gastronomie. Denn wenn jetzt jemand von oben herablächelnd fragte, wo der Schnaps denn bereits gelistet ist, hat man mit „Steirereck“ als Antwort das letzte Lachen auf seiner Seite – oder zumindest das Interesse des potenziellen Kunden geweckt.

Das Vertriebsnetzwerk steckt sich heute über den gesamten Globus, Hauptabnehmer sind aber immer noch Österreich und Deutschland. Frankreich ist einer kleinen Prestige-Marge vertreten, Amerika ein williger und ausbaufähiger Markt. Freiluftsport, Frust und Feingeist Der Grund für die Dominanz von Hans Reisetbauer im deutschsprachigen Gebiet liegt an Hans Reisetbauer selbst. Er hat sich vom oberösterreichischen Landwirt und Brenner zu seiner Marke gemacht.

Jeder kennt ihn – wichtiger aber, jeder schätzt den Schnapsbruder aus Axberg. Er ist bei fast jedem gastronomischen Sautreiben dabei, seine persönlichen und engen Freundschaften mit den besten Küchenchefs, die daraus resultierenden Abende und seine Loyalität sind legendär. Ebenso wie seine Produkte, die sich längst nicht nur mehr auf klassisches Fruchtbrennen beschränken. Er war es, der 2006 als erster Österreicher erfolgreich mit Gin, dem Blue Gin, begonnen hat, sein Whiskey lagert teilweise seit 18 Jahren im Keller und der Axberg Wodka macht mittlerweile auch Schule in den internationalen Bars.

Breit aufgestellt wie Hans Reisetbauer ist, kann er so die Frostschäden der letzten beiden Jahre zumindest ein wenig abfedern. Aber Schnapsbrennen ist nun mal ein Freiluftsport und verzweifeln macht die Sache auch nicht besser. Pessimismus und Jammern liegen allerdings auch nicht im Ansatz in der Persönlichkeit von Hans Reisetbauer, der jetzt mit 50 Jahren und nach 22 Jahren Brennen das Gefühl hat, dass seine Zeit erst kommen wird. Daher warten wir jetzt noch ein wenig mit der Heiligsprechung des Haudegens, überlassen es den anderen, päpstlicher als der Papst zu werden, und erbitten für unseren Gabentisch die weltlichen Freuden, die Hans Reisetbauer noch destillieren wird.

www.reisetbauer.at

03.11.2017