Ausgabe 224, Porträts

Anthony Bourdain: Sein letzer Gang

Der 8. Juni 2018 war ein seltsamer Freitag: Berichte über Anthony Bourdain gingen an diesem Tag nicht nur bei CNN über den Bildschirm. Nein, alle TV-Stationen brachten die traurige Nachricht: der außergewöhnliche Geschichtenerzähler hatte seinem Leben in einem Hotelzimmer in Frankreich ein Ende gesetzt.

Text: Andrea Böhm     Fotos: Shutterstock

Viele konnten und können es noch immer nicht glauben, doch es ist wahr: Der Mann, der so viele Menschen mit seiner Liebe zu Lebensmitteln, zu Essen und zur Kultur inspiriert hat, Anthony Bourdain, ist tot. Ausgerechnet bei Dreharbeiten zu einer neuen Staffel von „Parts Unknown“ im französischen Straßburg hat er beschlossen, diese Welt für immer zu verlassen. Die Reaktionen auf seinen Tod waren überwältigend.

Angefangen von einer Medienberichterstattung, die ihresgleichen sucht – allen voran die teilweise herzzerreißende seiner Kollegen auf CNN –, über Reaktionen von Prominenten aus allen Genres bis hin zu Tweets, Posts sowie Videos von Fans auf der ganzen Welt. Selbst der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat sich zu Wort gemeldet. Die beiden haben sich vor zwei Jahren abseits der politischen Bühne in Hanoi auf ein Essen getroffen.

Er schreibt in seinem rührenden Tweet: „Niedriger Plastikhocker, billige, aber leckere Nudeln, kaltes Hanoi-Bier. So werde ich mich an Tony erinnern. Er lehrte uns viel über das Essen – und noch wichtiger ist, dass er uns beibrachte, wie uns Essen zusammenbringen kann. Um uns ein bisschen weniger Angst vor dem Unbekannten zu machen. Wir werden ihn vermissen.“ Genau in dieser Mission – nämlich die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen – war Anthony Bourdain im Jahr 2016 im kleinen Ort Purbach im österreichischen Burgenland unterwegs.

Dort hat er für seine Sendung „No Reservations“ den ausgezeichneten Koch Max Stiegl besucht, der für seine Innereienküche bekannt ist. „Wir haben damals den Nachmittag gemeinsam verbracht, ein Lamm geschlachtet, es aufgebrochen und es zur Gänze verarbeitet.“ Stiegl hatte zwar nicht wirklich lange mit Bourdain zu tun, doch diese Erfahrung möchte er nicht missen. „Er war der Kumpeltyp. Ich glaube, dass er mit jedem gut gekonnt hat.

Er hat jeden Koch, dem er begegnet ist, sofort auf die gleiche Ebene mit sich gehoben und man hat sich sofort wertgeschätzt gefühlt“, erzählt der Chefkoch. Ob dem US-Amerikaner letztendlich das Essen geschmeckt hat, kann Max Stiegl nicht sagen, aber: „Er hat den Aufwand, die Arbeit und das Projekt, das wir machen, wertgeschätzt.“ Für den Burgenländer mit kroatischen Wurzeln sehr wichtig, denn er weiß auch, dass es anders geht. Vor zehn, zwölf Jahren wurde er mit seiner Alles-vom-Tier-Philosophie noch belächelt.

„Ich finde es großartig und ich bin ihm mehr als dankbar, dass er damals bei uns war. Dadurch ist die Botschaft nach außen gegangen und hat viele andere ermutigt.“ Stiegl zehrt nicht nur im übertragenen Sinn von diesem Treffen, er wird sogar heute noch immer auf diese Episode von „No Reservations“ angesprochen. „Vor ein paar Wochen war ich in New York in einem Restaurant auf der 5th Avenue essen. Die haben mich gefragt, ob ich mit Anthony Bourdain gedreht habe, die hatten das gegoogelt.“

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29.06.2018