Ausgabe 232

Matthias Winkler: Wiener Wunderwuzzi

Ganz oben, ganz unten und wieder ganz oben: Sacher-Chef Matthias Winkler ist zweifelsfrei einer der spektakulärsten Branchen-Quereinsteiger in unseren Breitengraden. Er spricht im Exklusivinterview über das Erbe seiner Schwiegermutter, Toilettenputzen bei Mcdonald’s und den nötigen Mut zur Veränderung.

Fotos: Gerd Tschebular, Hotel Sacher

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Als erfolgreicher Event-Veranstalter wagte Matthias Winkler den Schritt zu McDonald’s, arbeitete sich im Zuge eines Traineeships von ganz unten nach oben, wechselte später als Marketing-Berater in die österreichische Spitzenpolitik und steht heute an der Spitze der Traditionsmarke Sacher. Ein Mann, der nicht nur keine Angst vor Herausforderungen hat, sondern sie gezielt sucht.

Sie haben am Anfang Ihrer Karriere den Schritt vom erfolgreichen Event-Veranstalter zurück zu einem Traineeship bei McDonald’s gewagt. Wie kam es zu diesem Sinneswandel? 
Matthias Winkler: Wir haben in dieser Zeit große Studenten-Events in Wien mit bis zu 6000 Besuchern erfolgreich veranstaltet. Allerdings habe ich damals schon mehr in der Nacht gelebt und stand vor der Entscheidung: Entweder es geht so weiter oder ich mache doch etwas Vernünftiges. Mein Partner, der heute Rechtsanwalt ist, und ich haben beschlossen, einem anderen Berufsbild nachzujagen. McDonald’s war damals einer unserer Kunden und so kam es zu diesem Schritt.

Ein Schritt, den Sie heute bereuen? 
Winkler: Auf keinen Fall. Zwar habe ich mich an meinem ersten Tag gefragt: Warum habe ich das gemacht?, doch letztlich dort eine der faszinierendsten Herausforderungen überhaupt erlebt. Ich habe natürlich von der großen Marketing-Karriere geträumt und je näher der Tag eins rückte, desto bewusster wurde mir, dass alle McDonald’s-Karrieren im Restaurant beginnen. Und so habe ich damals bei einem Franchise-Nehmer in Wien begonnen, Pommesfrittes zu machen, Salat zu schneiden, Hamburger zu braten und eben auch die WCs zu putzen. Eine fantastische, lustige Zeit, die mich vor allem gelehrt hat, wirtschaftlich zu denken. Danach ging es weiter in die sogenannte Service-Zentrale, die eigentlich vielmehr eine serviceorientierte Zentrale ist und damals noch mit Sitz in Wien für die osteuropäischen Staaten zuständig war. Dort ging das Lernen wirklich weiter. Ich habe viel profitiert von dieser Zeit, habe auch heute noch nette Kontakte dort und gehe nach wie vor gerne zu McDonald’s essen.

Umbruch und Aufbruch: Sacher-Mastermind Matthias Winkler sanierte 2018 beide Häuser in Salzburg und Wien bei laufendem Betrieb, um am schnelllebigen Hotelmarkt vorne mitzuspielen.

Eine Firmenphilosophie, wie sich eben bei Mc-Donald’s von ganz unten nach ganz oben arbeiten zu müssen, ist eher die Ausnahme. Wie wirkt sich das auf einen Betrieb aus? 
Winkler: Damals gab es den Leitspruch „Wer kein Ketchup im Blut hat, der sollte nicht in zentralen Entscheidungspositionen sitzen“ und das hat was. Das galt vom Buchhalter über Marketing bis zum Einkauf für alle Bereiche. Ich finde es tendenziell einen guten Ansatz, dass jemand das Unternehmen beziehungsweise die Branche von der Pike auf kennenlernt. Natürlich bin ich in meiner heutigen Funktion das perfekte Gegenbeispiel. Ich denke, dass es für Quereinsteiger in kleineren Betrieben wesentlich schwieriger ist. Größere Betriebe wie das Sacher halten das leichter aus, da wir großartige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben, die das operative Geschäft perfekt abarbeiten. Da ist der Quereinsteiger durchaus sinnvoll, weil er viele Prozesse, die vielleicht seit 40 Jahren ungefragt einfach durchgezogen werden, hinterfragt. Das nervt naturgemäß am Anfang viele, führt aber zu einem spannenden Prozess der Veränderung, der dringender notwendig ist als je zuvor.

Wie wird das im Sacher konkret umgesetzt? 
Winkler: Wir haben uns „Sowohl als auch“ und nicht „Entweder oder‘ zum Motto gemacht. Ein Betrieb voller Fachexperten ist wahrscheinlich genauso schlecht wie ein Betrieb voller Quereinsteiger. Es geht um die sinnvolle Kombination beider. Was allerdings unabhängig davon unabdingbar bleibt: Du musst eine Leidenschaft für das Unternehmen und die gesamte Branche mitbringen, sonst wird es im Dienstleistungsbereich schwierig. Apropos schwierig: Sie haben die Sacher-Gruppe von Ihrer Schwiegermutter, Frau Gürtler, übernommen.

Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weiterführung des Feuers.

Matthias Winkler über den Generationenwechsel

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21.01.2019