Ausgabe 064, Porträts

Monsieur 100.000 Volt

Rudolf Tucek steht ständig unter Strom. Beinahe jeden Monat eröffnet der Wiener Querdenker ein neues Hotel.

Die Geschwindigkeit, mit der der Chief Executive Officer der Vienna International Hotelmanagement AG die Branche in Europa aufwirbelt, ist berauschend: Im Sechs-Wochen-Rhythmus stampft Rudolf Tucek (49) derzeit neue Hotels aus dem Boden. 1,7 Millionen Nächtigungen sind für dieses Jahr anvisiert, auf 130 Millionen Euro soll der Gesamtumsatz anwachsen. Eine Verdreifachung, seit der Wiener 2004 hauptberuflich die Spitze der VIH erklommen hat.
Trotz Überschallgeschwindigkeit behält der smarte, immer schwarz gekleidete Manager den Überblick und ruft seine Vision für die Zukunft aus: „Mit Schlafen und Essen allein ködert man keine Gäste mehr. Der Hotelier muss zum Touristiker werden, sich um Gesamtleistungen kümmern. Also wie ein Reisebüro Ferien- und Vorteilspakete für seine Kunden schnüren.“ Tucek stellte die Weichen bereits im Vorjahr auf diese Erfolgsschiene. Mit der VI Travel Management dampft er nun als Reiseveranstalter seinen Konkurrenten auf und davon.
Auf den Zug aufgesprungen ist die österreichische Lebensmittelkette Nah & Frisch. In deren 702 Filialen bietet Tucek Erlebnis- und Urlaubsreisen in insgesamt zehn Ländern an, in denen er seine 45 Hotels positioniert hat. „Als Leistungsträger hat es keinen Sinn, darauf zu warten, dass der Konsument einen abholt und erhört“, erklärt er. Umsetzen könne das auch ein einzelnes Hotel. „Vereinbaren Sie Kooperationen in Ihrer Region, die für Ihre Gäste von Vorteil sind. Das kann ein vergünstigter oder kostenloser Eintritt in Museen sein, ebenso wie ins Schwimmbad oder zu Sportveranstaltungen. Organisieren Sie gemeinsame Fahrten. Nehmen Sie dem Gast ganz einfach die zeitaufwendige Planung für seine Freizeitvergnügungen ab und sichern Sie ihm gleichzeitig einen finanziellen Vorteil.“ Unverzichtbar ist für Tucek dabei der Berg an detaillierten Kundendaten, auf denen die VIH sitzt. „Immer vorausgesetzt, dass man die Datenschutzbestimmungen im Griff hat, macht das für jeden Hotelbetreiber Sinn, wenn er weiß, welche Bedürfnisse und Vorlieben seine Gäste haben.“ Die Zielgruppe müsse genau analysiert werden. „Da kommt es durchaus auf Feinheiten an. So kann ich dem Seminarleiter nicht das Zimmer in jenem Flügel verkaufen, der vom Seminarraum am weitesten entfernt liegt. Achtet man auf diese scheinbaren Kleinigkeiten, gewinnt man mit der Zeit automatisch Stammgäste.“
Als ehemaliger Generaldirektor des ­Österreichischen Verkehrsbüros, in dem er 1981 als Buchhaltungsassistent seine einzigartige Karriere startete, schafft Tucek freilich gekonnt den Spagat zwischen Touristik und knallhartem Hotelmanagement. Umso kritischer geht er mit der Mitarbeiterphilosophie vieler Hotelketten um. „Historisch gesehen wird eine Menge Häuser sehr durchstrukturiert geführt, fast militärisch. Das ist ein Denken, das nicht mehr zeitgemäß ist. Wir wollen, dass unsere Mitarbeiter mehrere Aufgaben übernehmen. Warum soll ein Night Audit nicht auch die Bar mitmachen? Genau dahingehend adaptieren wir unsere Stellenanzeigen. Die Faustregel ein Mitarbeiter pro Zimmer ist überholt.“ Für die Weiterbildung seiner 2100 Arbeitskräfte sorgt Tucek übrigens persönlich. Und zwar in Seminaren, die zumeist an Wochenenden stattfinden.
Und nicht nur beim Thema Mitarbeiter schwimmt der mehrfach ausgezeichnete Manager gegen den Strom...

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22.04.2008