Ausgabe 076, Porträts

Gerald Angelmahr - Allein gegen die Erbsenzähler

Kritiker sind ihm schnuppe, er zählt auf das Urteil der Gäste: Gerald Angelmahr zwischen junger, wilder Perfektionsküche und dem Erbe seines Vorgängers, Reinhard Gerer.

Fotos: Werner Krug
Gerald Angelmahr

>> Im Zeitraffer

Geboren 1981 in Schwechat bei Wien, absolvierte Gerald Angelmahr seine Lehrzeit im berühmten Hotel Imperial in Wien unter Stefan Hierzer. 2003 bis 2005 begleitete er als Chef de Partie die Neueröffnung des Le Méridien Wien. Nach erfolgreichen Karrierestationen im Haubenrestaurant Meinl am Graben unter Joachim Gradwohl sowie im Designhotel Aenea in Reifnitz am Wörthersee kehrte Angelmahr 2007 ins Hotel Imperial zurück, wo er zuletzt als Souschef Staatsgäste und gekrönte Häupter ebenso kulinarisch verwöhnte wie die Gäste des Haubenrestaurants Imperial.

Der Sieg
beim „junge wilde“-Award 2007 war schließlich das Sprungbrett in das Korso, in dem er seit Herbst 2008 als Küchenchef arbeitet.

Die alten Kumpanen Reinhard Gerers warteten nur darauf, seinen Nachfolger scheitern zu sehen. Über zwei Jahrzehnte hinweg pushte Gerer das Korso an die Spitze der österreichischen Gourmetszene. Exakt 23 Jahre lang hielt er vier Hauben – ehe Gault Millau seinen (vielleicht zu lange) hochgejubelten Star fallen ließ. Mit nur mehr einer Haube fand sich Gerer im Sommer 2008 am Tiefpunkt seiner Karriere wieder. Die Geschäftsführung des Wiener Edelhotels Bristol, in dem das Korso seit 1984 beheimatet ist, und der gescheiterte Koch trennten sich – einvernehmlich. So heißt es zumindest offiziell. Die Medienwelt hielt den Atem an, wer die Nachfolge antreten könnte.

Und dann wurde ausgerechnet er geholt: Gerald Angelmahr; ein junger, unverbrauchter Typ. Kurz zuvor hatte Angelmahr den „junge wilde“-Wettbewerb für sich entscheiden können – ein Titel, der mit dem gediegenen, ja vielleicht sogar altmodischen Ambiente des Korsos zusammenpasst wie Jakobsmuscheln mit Blutwurst. Zuerst gar nicht, dann jedoch genial. „Ich bin auf einem Mittelweg unterwegs. Das klingt jetzt vielleicht nicht sehr gewagt, aber den vielen Stammgästen im Korso kann ich einfach keine extreme Küche antun. ,junger wilder’ heißt ja außerdem nicht, immer alles besonders schräg zu machen. Es bedeutet, sein Handwerk perfekt zu beherrschen und kreative Kombinationen auf den Teller zu zaubern, die für den optimalen Geschmack sorgen.“ Eben Klassiker neu zu interpretieren. Und genau damit verblüfft Angelmahr zuweilen seine Gäste.

Gerald Angelmahr Rolling Pin TV

Die ersten Wochen im Korso waren trotzdem turbulent für ihn, der erstmals ein Team zu führen hatte. „Natürlich spürte ich anfangs den Druck. Viele Kritiker sind gekommen und nicht alle Bewertungen fielen positiv aus“, erinnert sich Angelmahr an den September des Vorjahres, als er das schwerste kulinarische Erbe Wiens anzutreten hatte. So einige sahen die Fußstapfen von Gerer zu groß für den „jungen wilden“. „Gerer war ein großer Vorgänger und sein Name wird wohl noch länger in diesem Restaurant herumgeistern. Ich mache hier einfach mein Ding. Das habe ich mir so in den Kopf gesetzt.“

„Schwerfälliger Luxus statt frischer Ideen“, schrieb etwa die Tageszeitung „Der Standard“ in einer ersten Kritik. Und: Man machte sich lustig über...


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27.01.2009