Michelin wirft Österreich raus

Exklusiv: Warum der Guide Michelin sich nach nur 4 Jahren aus Österreich zurückzieht. Nur die Städte Wien und Salzburg werden weiterhin bewertet.
November 13, 2015

Jean-Luc Naret im Portrait

Text & Interview: Katharina Wolschner

Ausgestrichener Michelin Guide ÖsterreichDiese Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Nur mehr in diesem Jahr gibt es Michelin-Stern-ausgezeichnete Häuser in Österreich. Nicht, dass es Österreich an kulinarischer Qualität gemangelt hätte, es ist die ökonomische Quantität – oder eher die Rarität – die den Ausschlag gab: Schleppender Verkauf des Guides bedeutet kaum Geschäft, bedeutet das Ende vieler Träume.
Die Auswirkungen werden enorm sein! Beispiel Didi Dorner: Der 1-Sternekoch ordnete alles seinem Wunsch unter, in nächster Zukunft 3 Sterne zu erkochen. Der wird nun unerfüllt bleiben. Dem ehrgeizigen Ziel näher, die höchste Auszeichung des weltweit führenden Guides zu erlangen, waren aber die beiden 2-Sterneköche Silvio Nickol, Österreichs Top-Aufsteiger und Heinz Reitbauer junior.

Warum es in Österreich in vier Jahren keinen 3-Sternebetrieb gab, erklärt Jean-Luc Naret, der Direktor der Michelin Guides, folgendermaßen: „Der Guide Michelin agiert international. Das bedeutet, ein 3-Sternerestaurant in Wien muss konstant gleich gut sein wie eines in New York oder Tokyo. Es ist nicht so, dass wir absichtlich kein Restaurant mit 3 Sternen bedacht haben. Wir konnten nur keines finden, das es verdient hätte.“

>> Reaktionen
Walter Eselböck (Taubenkobel)
Eine Kulturwatschn für Österreich und ein enormer Verlust für dieses Land.
Silvio Nickol (Schlossstern)
Ich bin fassungslos und mir fehlen die Worte. Ich kann nur sagen, dass mich das schwer trifft und mich schon ein wenig wundere, dass man nach nur vier Jahren den Guide Michelin wieder vom Markt nimmt. Ein riesiger Rückschlag für Österreich.
Thomas Dorfer (Landhaus Bacher)
Ein Wahnsinn. Wir waren froh, dass wir international dadurch endlich wahrgenommen wurden. Sehr schade, dass sich der Guide Michelin jetzt zurück zieht.
Arnold Pucher (Restaurant Pucher)
Ein Schock! Im Ausland werden wir nicht mehr für voll genommen. Mit dem zweiten Stern hat sich bei uns der Ausländeranteil massiv gesteigert.
Didi Dorner (Landhaus Stainach)
Eine Katastrophe! Was mich für Österreich wirklich erschreckt, dass wir für den internationalen Gourmet-Markt nicht existent sind. Man registriert uns nicht. Ein Armutszeugnis. Der wirtschaftliche Schaden für Österreich ist noch gar nicht abzuschätzen.

Einem zumindest sei seine Chance nach wie vor vergönnt, denn das Steirereck von Reitbauer liegt mitten in Wien und wird somit weiterhin (wie alle Wiener und auch Salzburger Restaurants) bewertet. Und zwar im Guide „Main Cities of Europe“.

Das Restaurant Schlossstern, in dem Nickol als Küchenchef tätig ist, liegt in Kärnten – und damit nicht auf der Route der Tester. Wie 48 weitere Betriebe der insgesamt 54 ausgezeichneten Häuser in Österreich.

Welche Folgen hat die Absetzung des kleinen roten Buches für Österreichs Restaurants nun wirklich? „Bekommt ein Restaurant einen Stern verliehen, kann es mit einem Gästezuwachs von 25 bis 30 Prozent rechnen, bei 2 Sternen verdoppelt sich die Anzahl und bei 3 Sternen kann man gewiss sein, dass das Restaurant immer voll sein wird“, erklärt Jean-Luc Naret den finanziellen Aspekt.
Auch andere Länder trifft die Krise. Neben Österreich ist auch die schillernde Spielermetropole Las Vegas von den Einsparungen betroffen. Zumindest in diesem Jahr. Was die Zukunft bringen wird, ist noch offen. Dass das kein Trost sein kann, ist Naret bewusst, aber schließlich musste er eine Entscheidung treffen. Und was am Ende für ihn zählt, ist Erfolg.

Der einzige Gewinner wird wohl der Gault Millau sein. Denn nun werden die Hauben wieder den Ton angeben.

 

„Nie wieder erscheint der Guide in Österreich“

>> Info
JEAN-LUC NARET
Director of Michelin Guides
Der insgesamt sechste Direktor in der 107-jährigen Geschichte des Restaurantführers arbeitete bereits vor seinem Amtsantritt im Juni 2004 eng mit seinem Vorgänger Derek Brown zusammen. Davor war der Absolvent der Ecole Hôterlière de Paris in der Luxushotellerie tätig. Unter anderem wurde das Sandy Lane in Barbados unter seiner Führung zum „World‘s Best Resort“ gewählt. Heute lebt er mit seiner Frau und 3 Kindern in Paris. www.michelinguide.com

ROLLING PIN: Warum stoppen Sie den Guide in Österreich?
Jean-Luc Naret: Es hat rein wirtschaftliche Gründe, die uns dazu zwangen. Es ist eine Entscheidung, die wir nicht leichtfertig und von heute auf morgen gefällt haben. Die Einführung des Guides liegt nun 4 Jahre zurück und die Absatzzahlen haben sich nicht in die Richtung entwickelt, die wir uns erhofft haben. Im Endeffekt waren zwei Faktoren ausschlaggebend: Die Verkaufszahlen der letzten drei Jahre und die ökonomische Situation. Deshalb habe ich mich entschlossen, weitere Publikationen betreffend Österreich zu stoppen. Das Prinzip ist einfach: Entweder man hat Erfolg oder man hat keinen. Wir mussten einsehen, dass der Guide in Österreich eben kein Erfolgsprodukt ist und wir ziehen nun die Handbremse.

RP: Bedeutet dieser Schritt, dass nur eine Pause eingelegt wird, bis sich die Situation entspannt hat?
Naret: Die Krise trifft uns und daher müssen einige Schritte von der Führungsebene aus getätigt werden. Österreich ist nicht das einzige Land, in dem es keinen Guide mehr geben wird. Doch konsequenterweise muss ich zu dieser Frage sagen, dass dieser Stopp auch das endgültige Aus für einen Guide Michelin für Österreich ist. Wenn es nach mir geht, dann erscheint er in dieser Form nie wieder.

RP: In dieser Form? Wird bereits überlegt, ein ähnliches Projekt zu starten?
Naret: Damit meine ich, dass es vielleicht irgendwann einmal etwas Ähnliches für Österreich geben könnte. Aber das ist weder spruchreif, noch in Planung.

RP: Somit wird kein Stern mehr über Österreich aufgehen?
Naret: Was es ja nach wie vor gibt, das ist der Guide Michelin „Main Cities of Europe“, in dem Wien verzeichnet ist. Und wir werden bereits heuer Salzburg neu in die Liste aufnehmen und testen. Also kann es noch immer Sterne in Österreich geben, allerdings nur mehr in der Hauptstadt und eben in Salzburg. Ob bei Salzburg nur die Sadt oder auch das Umland getestet wird, ist noch nicht entschieden.

RP: Was heißt das nun in Folge für alle jetzigen Sternerestaurants, die sich nicht in einer dieser Städte befinden?
Naret: Nun, diese können sich nur noch in diesem Jahr mit unserer Auszeichnung schmücken. Doch es wird diesen Herbst kein Tester von Guide Michelin ein Restaurant außerhalb Wiens bzw. Salzburgs besuchen. Somit dürfen sich die Restaurants ab 2010 nicht mehr als Sternerestaurant bezeichnen, da sie ja dann keine mehr sind.

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