News

UPDATE Labor-Burger für 250.000 Euro

Heute ist es so weit: das erste aus Stammzellen kultivierte Burger-Paddie kommt auf den Tisch.


05.08.2013 Heute gegen 14:00 Uhr hat Dr. Mark Post von der Universität Maastricht kulinarische und wissenschaftliche Geschichte geschrieben – er servierte auf einer Pressekonferenz den ersten aus Rinder-Stammzellen kultivierten Burger.

Letztes Wochenende wurde das Fleisch aus der Petrischale aus zehntausenden Proteinsträngen zusammengesetzt. Die gezüchteten Muskelfasern wurden dafür im tiefgefrorenen Zustand miteinander verknüpft. Dieser Aufwand hat natürlich auch seinen Preis: der Burger hat einen Wert von sage und schreibe 250.000 Euro.

Die große Frage der Veranstaltung war natürlich "Was kann das Fleisch denn nun?". Hier die Details dazu: Das Pattie wog 140 Gramm und wurde mit einer Mischung aus Salz, Eipulver und Semmelbröseln zubereitet. Rote Bete Saft und Safran sorgten für eine schöne rote Farbe. Ganz der Dramaturgie des Events entsprechend, wurde das Laibchen auf einem Tablett, abgedeckt von einer Metallhaube, in das TV-Studio gebracht, in dem sich internationale Pressevertreter bereits für die Präsentation postiert hatten. Zwei Freiwillige erklärten sich bereit den Burger zu kosten – der US-Food-Autor Josh Schonwald und die österreichische Nahrungsmittelfoscherin Hanni Ruetzler.
Nachdem sie einen Bissen genommen hatte, meinte Rützler "Ich hatte die Textur etwas weicher erwartet ... Ich weiß, dass kein Fett drin ist, darum wusste ich auch nicht wie saftig es sein würde. Es ist nah dran an Fleisch, aber nicht so saftig. Die Konsistenz ist eigentlich perfekt, aber ich vermisse Salz und Pfeffer!"

Auch wurde im Zuge der Präsentation bekanntgegeben, dass einer der bisher anonymen Investoren dieser Forschung der Google-Mitbegründer Sergey Brin ist. In einer Video-Botschaft verkündete er: "Manchmal wenn eine neue Technologie aufkommt, hat sie das Potenzial unsere Welt-Sicht zu verändern. Ich mag es mir Möglichkeiten neuer Technologien vor Augen zu halten. Und wenn eine Technologie scheinbar an den Scheitelpunkt des Realisierbaren angesiedelt ist, hat sie wahrhaftig die Kraft die Welt zu verändern."

Jetzt ist diese neue Methode zwar noch extrem kostenintensiv, Professor Mark Post geht jedoch davon aus, dass das Kunstfleisch bereits in zehn bis 20 Jahren in Supermärkten erhältlich sein könnte.

Die Präsentation stellt den Höhepunkt von jahrelanger Forschung auf dem Gebiet der Fleisch-Kultivierung dar. Sie soll zeigen, dass Fleisch aus Laborkulturen eines Tages eine Alternative zu natürlichen Ressourcen darstellen kann. Für die immer größer werdende Erdbevölkerung könnte das eine Lösung der Nahrungsmittelknappheit bedeuten, ohne der Natur zu schaden oder die Anzahl von Tieren in der Zucht zu erhöhen.

Um dem unstillbaren Appetit der Menschen nach Fleisch nachzukommen werden bereits jetzt 30 Prozent der Erdoberfläche in Anspruch genommen, wie zum Beispiel zum Anbau von Futterpflanzen. Läppische vier Prozent werden dagegen verwendet um direkt Nahrung für die Bevölkerung zu produzieren.
Bis zum Jahr 2060 soll die Erdbevölkerung Schätzungen zu Folge auf 9,5 Millliarden angewachsen sein. Das bedeutet auch, dass der Fleisch-Markt in Ländern wie China und Indien bis zur Mitte des Jahrhunderts die doppelte Menge produzieren müsste. Eine verheerende Aussicht: verdoppelt sich die weltweit produzierte Fleischmenge, hat das die selbe Auswirkung auf das Klima, wie die Hälfte aller weltweit betriebenen Autos, LKWs und Flugzeuge.

Dr. Mark Post hatte bereits im Vorfeld die umwelt- und sozialpolitische Motivation hinter dem Labor-Burger erläutert. Beim jährlichen Treffen der American Association for the Advancement in Science 2012 in Vancouver legte er den Fokus auf die Effizienz in der Fleisch-Produktion. Kühe und Schweine hätten dabei eine Effizienz von 15 Prozent, während Hühner und Fische etwas besser abschneiden. Post: "Wenn wir die Effizienz von 15 auf 50 Prozent steigern könnten wäre das ein unglaublicher Fortschritt."

Wie wichtig Fleisch für die Entwicklung des Menschen ist, betonen auch Anthropologen. Die Fähigkeit Kochen zu lernen und Fleisch zu essen ist laut ihren Untersuchungen ein Grund dafür, warum das menschliche Gehirn überhaupt so groß werden konnte. Fleisch, als reichhaltige Nahrungsquelle, hat dem Gehirn unserer Vorfahren einen regelrechten Boost verpasst. Das ist auch der Grund, weshalb unsere Spezies auch heute noch so großen Geschmack an Fleisch findet.

Dass dieses Verlangen heute auch einen großen Markt an kultivierten Produkten mit sich führt, liegt auf der Hand. Wie es in Zukunft aussehen könnte, beschreibt Food-Schriftsteller Jay Rayner. Er ist der Überzeugung, dass sich der Markt aufteilen wird – einerseits werden wir die guten alten Steaks, ganzen Hühnchen und Prime Cuts für besondere Anlässe haben, die jedoch seltener als jetzt konsumieren werden. Auf der anderen Seite wird es tierisches Protein geben, das man für günstigere Burger, Lasagne und dergleichen verwenden wird – diese Alternativen heißen dann In-Vitro-Fleisch oder Insekten.
Traditionell gezüchtetes Fleisch ist auch jetzt schon nicht günstig und die Preise werden noch steigen, fährt Rayner fort. Er sieht es nur als eine Frage der Zeit, bis die Bevölkerung nach Alternativen verlangt.

Auch Tierschutzorganisationen sprechen sich für die Labor-Methode in der Fleischzucht aus. Aber auch die hat, neben dem aktuell noch sehr hohen Preis, einen Haken: man benötigt Stammzellen, die man wiederum nur von Tieren bekommt, jedoch ohne, dass diese ihr Leben dafür lassen müssen. Tierschützer fürchten dennoch auch hier mögliche Tierquälerei.

Die Maastrichter Wissenschaftler werden abgesehen davon aber noch mit unzähligen weiteren Hürden rechnen müssen, bis das Labor-Fleisch auf den Markt kommen kann. Bis zur Marktreife werden viele weitere Investitionen nötig sein. Und das ganz abgesehen von den Lebensmittel-Sicherheitskontrollen, die das Labor-Fleisch durchlaufen müsste, bevor es auf unseren Tellern landen kann.

www.maastrichtuniversity.nl

Foto: Francois Lenoir/Reuters

14.11.2015