Michaela Reitterer: Goodbye Mrs. President!

Michaela Reitterer muss nach zwei Amtsperioden als ÖHV-Präsidentin abdanken. Langweilig wird der Betreiberin des Zero-Energy-Hotels „Stadthalle“ dennoch nicht werden. Im Interview spricht sie über Politik, Leisure Time und Pläne. Ein Blick zurück. Und nach vorne.
Dezember 9, 2021 | Fotos: Franzi Schädel

NACHHALTIGE VORREIT(T)ERIN.

Die 57-jährige Wienerin gilt als Pionierin der Green Hospitality weltweit. Sie war die erste Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung mit 1600 Mitgliedern und kämpft mit Überzeugung für Nachhaltigkeit im Tourismus.

Michaela Reitterer
Stolz und wehmütig nimmt Michaela Reitterer im Jänner Abschied vom Amt der Präsidentin des ÖHV.

NACHHALTIGE VORREIT(T)ERIN.

Die 57-jährige Wienerin gilt als Pionierin der Green Hospitality weltweit. Sie war die erste Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung mit 1600 Mitgliedern und kämpft mit Überzeugung für Nachhaltigkeit im Tourismus.

Michaela Reitterer
Stolz und wehmütig nimmt Michaela Reitterer im Jänner Abschied vom Amt der Präsidentin des ÖHV.

Frau Reitterer, wie geht es Ihnen in diesem vierten Lockdown?
Michaela Reitterer: Naja, bescheiden wäre geprahlt. Es sind einfach zu viele Buchungen und Veranstaltungen herausgefallen. Nun, wir tragen den Lockdown ja mit, aber ab 13. Dezember muss damit genug sein. Wieder sind wir, trotz unserer Sicherheitskonzepte, die die übrig bleiben. Denn beim Handel gibt es wieder jede Menge lebensnotwendige Ausnahmen. Ich muss als Tourismusfrau an die Öffnung glauben, denn sonst haben wir ein manifestes Problem, allein der MitarbeiterInnen wegen.

Ein Winter wie damals kann es aber auch diesmal wieder nicht werden?
Reitterer: Daran hat auch vor dem Lockdown niemand geglaubt. Der Wahnsinn ist nur, dass wir der Politik jede Menge Vorschläge gemacht haben, es in Hotels keinen einzigen Cluster gegeben hat und die Impfrate beim Personal bei über 80 Prozent liegt. Es kann doch nicht sein, dass die heimische Hotellerie zu hat und man gleichzeitig überall auf der Welt in den Urlaub hinfliegen kann. Das ist wohl das Beschämendste für ein Urlaubs- und Tourismusland wie Österreich, das ich je erlebt habe.

Nach zwei Amtsperioden werden Sie als ÖHV-Präsidentin Ihren Job beenden müssen. Sind Sie wehmütig?
Reitterer: Na, natürlich. Ich habe unendlich viel erlebt, gelernt und wir haben auch einiges verändert, aber die Statuten sind so. Am 17. Jänner ist die Wahl meines Nachfolgers. Der Wahlvorschlag des Präsidiums ist der jetzige Vizepräsident, Herr Walter Veit vom Hotel Enzian in Obertauern, und die Mitglieder haben nun die Gelegenheit, bis zur Wahl weitere Vorschläge einzubringen.

Mein Credo: Tue nachhaltig Gutes und mach es publik!
Michaela Reitterer, ÖHV-Präsidentin

Retrospektiv, was konnten Sie als ÖHV-Präsidentin erreichen?
Reitterer: Einiges. Wir haben die Umsatzsteuer auf Logie rückgängig gemacht, wir haben es geschafft, die Umsatzsteuer jetzt auf fünf Prozent zu bekommen, wir haben die Bestpreisklausel geschafft, und in den letzten eineinhalb Jahren sehr gut mit der Regierung kooperiert, sodass die Unterstützungen für die Hotellerie auch wirkliche Hilfen sind. Man sollte schon einwenden, dass man sich von der Politik keine innovativen Ideen erwarten darf, die muss man selbst ausarbeiten und an sie herantragen. Politik reagiert nur, wir Unternehmer müssen agieren, das muss man verstehen lernen. Es ist ein ständiger Ritt auf der Kanonenkugel, weil jeder das Seine durchbringen will.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, in die Politik zu gehen, vielleicht sogar als Tourismusministerin?
Reitterer: Sicher nicht! Da bleibe ich lieber Unternehmerin, die es gewohnt ist, selbstständig zu arbeiten und eigene Entscheidungen zu treffen. Ich wäre totunglücklich, womöglich in einer Zweier- oder Dreierkoalition abstimmen zu müssen. Da wäre es besser, Lobbyismus für Tourismus und Hotellerie zu betreiben – am idealsten auf europäischer Ebene, denn da passiert überhaupt nichts. Man müsste den Tourismus in Europa fit für die Nachhaltigkeit machen, denn Afrika wird diesen Weg nicht gehen, Asien und Amerika auch nicht, darin sehe ich die einzige Chance für den heimischen und europäischen Tourismus.

Sie gelten mit Ihrem Zero-Energie-Hotel Stadthalle als Pionierin auf diesem Gebiet. Haben Sie auch Nachahmer in Sachen Nachhaltigkeit gefunden?
Reitterer: Es hat immer schon den einen oder anderen Betrieb in Österreich gegeben, der eine innovative Einstellung zum Thema Green Tourism und Green Hospitality hatte. Aber es würde mich freuen, wenn es noch weit mehr würden. Und, es gibt schon Hoteliers, die mich anrufen und meinen: ‚Michi, jetzt hast Du dann ohnehin Zeit, könntest Du uns nicht beraten?‘ Da helfe ich gerne und verweise auf die SDGs – die Sustainable Development Goals – als einfachste Anleitung. Nachhaltigkeit hat schließlich nicht nur mit sauberem Strom zu tun. Nachhaltigkeit hat mit Klimaschutz zu tun. Mit dem Umgang mit der Landschaft. Damit, welche Produkte ich verwende. Ich sage immer: It’s all about Storytelling – ich muss publik machen, was ich Gutes tue! Als Hotelier muss man sich Zielgruppen aussuchen, die einem wichtig sind, die unsere Werte teilen. Dann wird man diese Gäste auch zu sich ins Hotel bekommen.

Können Sie Ihr Hotel Stadthalle noch nachhaltiger machen, als es bereits ist?
Reitterer: Man kann immer noch etwas verbessern. Es kommen ständig neue innovative Start-ups zu mir und unterbreiten neue Vorschläge. So sind wir unter anderem auf die Idee mit unserem Sail-shipped Coffee gekommen, denn der Kaffee wird bei uns mittels Segelschiff und nicht von Schwerölriesen angeliefert. Ach, es gibt noch so viele wunderbare Ideen.

Michaela Reitterer
Mit ihrem „Hotel Stadthalle“ setzt Reitterer seit 2009 weltweit neue Maßstäbe in Sachen Green Hospitality und Green Tourism.

Wie lauten Ihre Pläne für das kommende Jahr?
Reitterer: Ich werde mir eine neunmonatige Auszeit, eine sogenannte Leisure Time, nehmen. Ich bin begeisterte Großmutter und da meine Tochter am Ammersee in Bayern und mein Sohn in Vietnam lebt, werde ich ausgedehnte Besuche bei meinen Enkelkindern einplanen. Außerdem bin ich jemand, der sehr gerne reist und diesbezüglich habe ich auch wirklich gehörigen Aufholbedarf, denn ich war in den vergangenen 20 Monaten kein einziges Mal im Ausland – auch aus Solidarität für die Branche.

Wie entscheiden Sie persönlich, in welchem Hotel Sie im Urlaub absteigen
Reitterer: Nun, in Österreich fällt mir das relativ leicht, weil ich fast jedes Hotel kenne und noch kein einziges Mal enttäuscht worden bin. Im Ausland miete ich meistens ein Haus, denn ich würde mir wahrscheinlich ständig die Abläufe
im Hotel ansehen und nachsehen, wie die das machen. Das wäre so, wie wenn sich jemand anderer seine sämtlichen Akten in den Urlaub mitnimmt. Ich habe es schon lieber etwas ruhiger abseits vom Job. Ich werde auch ganz bestimmt meine Work-Leisure-Balance analysieren und neu definieren.

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MICHAELA REITTERER. Geboren 1964 in Wien. Nach dem Absolvieren der Tourismusschule „Modul“ und nach diversen Tourismusstationen und dem Verkauf ihres Reisebüros „KUONI Hippersroither“ übernahm sie 2001 das elterliche „Hotel zur Stadthalle”, das sie 2002 zum „Boutiquehotel Stadthalle“ erweiterte. 2009 war dies das erste Stadthotel weltweit mit einer Null-Energie-Bilanz. Seit 2013 ist sie Präsidentin der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) und Vorstandsmitglied von respACT. Für ihre besonderen Verdienste für Nachhaltigkeit im Tourismus wurde sie u. a. mit dem Silbernen Ehrenzeichen der Republik sowie dem ORF-Klimaschutzpreis ausgezeichnet.

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