Rettungsschirm nicht für defizitäre Unternehmen: Caterer Georg W. Broich im Exklusivinterview

Der Präsident der Leading Event Caterer Association (LECA) spricht sich nicht nur für schnelle, unbürokratische Hilfen aus, sondern auch für Prüfungen der einzelnen Betriebe. Warum, das verrät Georg W. Broich im großen Exklusivinterview.
März 24, 2020 | Fotos: Georg W. Broich

Es wird auch eine Zeit nach Corona geben

Georg W. Broich ist Präsident der Leading Event Caterer Association (LECA), die im Jahr 2000 als Sprachrohr der führenden Eventcaterer gegründet worden ist. Seit letzter Woche hat Broich in seinem Unternehmen Broich Catering & Locations teilweise die Kurzarbeit eingeführt – und wird sie, wie er uns verrät, womöglich noch ausweiten müssen.

Warum seines Erachtens die Hilfskredite funktionieren könnten, defizitäre Unternehmen aber davon ausgeschlossen werden sollten – und weswegen es für die Zeit nach Corona unbedingt eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes braucht, das und vieles mehr verrät Georg W. Broich im ROLLING-PIN-Exklusivinterview.

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Georg W. Broich über den aktuellen Zustand der deutschen Gastronomie: „Wir wissen aber alle, dass unsere Branche – zumindest in den letzte 20 Jahren – eine ist, in der man wirtschaftlich nicht mehr viel Speck ansetzen kann. Das ist das große Problem bei vielen Unternehmen, dass sie zu wenig Eigenkapitaldecke haben.“

Herr Broich, wann wurde Ihnen klar, dass der Corona-Virus eine so verhängnisvolle Krise auslösen würde?
Georg W. Broich: Zirka Anfang März. Wir haben bereits Ende Februar schon erste Gespräche geführt. Wir sind ja Caterer eines großen Kongresszentrums in Bonn. Dort finden regelmäßig die Jahreshauptveranstaltungen von Covestro, von Bayer oder der Telekom statt. Das sind natürlich alles Unternehmen, die etwas weiter in die Zukunft blicken. Da gab es schon die ersten Anfragen für Szenarien wie Verschiebung, Verkleinerung und Ähnliches. Mitte März war es dann so weit, dass wir eine Mitarbeiterversammlung machen mussten, wo wir uns gezwungen sahen, zunächst um 25 Prozent auf Kurzarbeit zu gehen. Von unseren 260 Mitarbeitern haben über 90 sofort zugestimmt. Aber dann kam schon die nächste Hiobsbotschaft: Schulen und Kitas sollten geschlossen werden. Wir machen ja täglich fast 4000 Schul- und Kita-Essen. Sportveranstaltungen waren ja schon abgesetzt – auch das war eines unserer Standbeine. So wurde alles immer dramatischer.

Für Unternehmen, die krank oder seit einigen Jahren defizitär sind, wird es sehr schwierig werden. Aber da muss man auch ganz klar sagen: Dieser Rettungsschirm ist ja nicht dazu da, um kranke, Not leidende Unternehmen am Leben zu erhalten. Sondern um gesunde Unternehmen, die ohne eigenes Verschulden in diese Situation geraten sind, zu unterstützen.

Georg W. Broich sieht die Corona-Krise auch als Marktbereinigung

Ist es realistisch und machbar, das derzeitige Kurzarbeitsverhältnis in Ihrem Unternehmen weiter aufrechtzuerhalten?
Broich: Mittlerweile werden wir wahrscheinlich weiter gehen müssen. In Teilen werden wir im April, vielleicht auch bis in den Mai hinein, zu 100 Prozent Kurzarbeit machen müssen. 

Werden Sie bis Ende Juni damit durchhalten können?
Broich: Wir haben bereits mit Lieferanten gesprochen, um Zahlungsziele zu verlängern, auch mit den Fuhrparks, damit wir die Wägen flexibler nutzen können. Ich empfehle außerdem jedem, die Lage mit den Vermietern zu besprechen. Wir stehen natürlich auch mit dem Finanzamt in Kontakt in Bezug auf die Steuerstundungen. Genauso mit der KfW und der Hausbank bezüglich der Überbrückungskredite –

Die Ihrer Meinung nach funktionieren werden?
Broich: Ja, das kann funktionieren. Die Grundvoraussetzung ist natürlich ein maßgeblich gesundes Unternehmen mit einer gesunden Perspektive. Für Unternehmen, die krank oder seit einigen Jahren defizitär sind, wird es sehr schwierig werden. Aber da muss man auch ganz klar sagen: Dieser Rettungsschirm ist ja nicht dazu da, um kranke, Not leidende Unternehmen am Leben zu erhalten. Sondern um gesunde Unternehmen, die ohne eigenes Verschulden in diese Situation geraten sind, zu unterstützen. Denn am Ende des Tages wird es auch nach dieser Krise wieder Cateringunternehmen brauchen. Nicht nur für Events, sondern auch für Mitarbeiterschulungen, Schulen und Kitas, Senioren, Krankenhäuser, und so weiter.

Meine Forderung ist: Wir brauchen für die Zeit nach der Krise eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes.

Für Georg W. Broich besteht Hoffnung, dass die Branche gestärkt aus der Krise hervorgeht 

Wie existenzgefährdend ist die Krise für Ihr Unternehmen?
Broich: Ich denke, wir werden es hinkriegen. Unser Unternehmen gibt es seit 1734, also wir haben schon einiges kommen und gehen gesehen. Wir wissen aber alle, dass unsere Branche – zumindest in den letzte 20 Jahren – eine ist, in der man wirtschaftlich nicht mehr viel Speck ansetzen kann. Das ist das große Problem bei vielen Unternehmen, dass sie zu wenig Eigenkapitaldecke haben, und ja: Wir haben immer gewirtschaftet, um für ein zwei Jahre gut gewappnet zu sein, aber mit dem, was jetzt passiert ist, hat niemand gerechnet. In der Event-Branche sind wir ja bis in den Juli hinein bei Null! Null Euro Umsatz!

Wir wissen aber alle, dass unsere Branche – zumindest in den letzten 20 Jahren – eine ist, in der man wirtschaftlich nicht mehr viel Speck ansetzen kann.

Wird die Gastronomie die Zeit nach Corona nutzen, um sich auch betriebswirtschaftlich besser aufzustellen?

Abgesehen von Events: Können Sie in dieser Zeit auf andere Strategien setzen?  
Broich: Im Areal Böhler in Düsseldorf beispielsweise ist die Kantine geschlossen worden. Wir halten dort die Versorgung der Mitarbeiter aufrecht, die dort noch vor Ort in der Produktion sind oder in der Verwaltung. Das machen wir über einen Foodtruck eines unserer Tochterunternehmen. Was wir auch aufrechterhalten, sind Teile des Caterings für Kitas, die den Notbetrieb aufrechterhalten müssen. Das sind zwar am Tag nur fünf bis acht Essen, das ist natürlich klar defizitär, aber ich sehe das als meine Pflicht gegenüber der Gesellschaft.

Was sind Ihre Forderungen gegenüber der Regierung?
Broich: Der Kollege Frank Schwarz hat seinen Forderungen emotional sehr freien Lauf gelassen und ich gebe ihm zu 100 Prozent Recht. Es müssen jetzt einfach schnelle und unbürokratische Hilfen her. Nichtsdestotrotz: Prüfungen müssen sein, damit nicht einfach alles ausgegossen wird ­– und damit auch nur die Unternehmen gestützt werden, die substanziell so weit sind, dass es Sinn macht. Ich geh aber auch schon weiter. Meine Forderung ist: Wir brauchen für die Zeit nach der Krise eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes. Das bedeutet natürlich nicht, dass meine Mitarbeiter mehr arbeiten, als ich vertraglich mit ihnen vereinbart habe, aber auch viele von ihnen fordern eine Flexibilisierung. Wir müssen unsere Mitarbeiter auch einmal vier Mal die Woche einsetzen dürfen, dafür haben sie dann länger am Stück frei. Die Event-Brache ist nun einmal so, das Catering dort erfordert einfach höhere Flexibilität als in der Gastronomie. Dort müssen wir im Hebst unbedingt flexibler werden, wenn es dann wieder losgeht.

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Hier geht’s zu den Forderung von Georg W. Broichs Kollegen Frank Schwarz. 

Hier geht’s zum Coronavirus Gastro-Live-Ticker!

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