Eine Prise Geschäftssinn

Mit dem Beinamen Gewürzpapst kann Marcus Winkler nicht viel anfangen. Aus seiner Leidenschaft für die Aromabomben macht der Wiberg-Geschäftsführer aber keinen Hehl – beruflich und privat.
November 13, 2015

Marcus Winkler Fotos: Joachim Bergauer

Visionär des guten Geschmacks

Die Suche nach einzigartigen Produkten hat Marcus Winkler als Markenzeichen des Gewürzherstellers etabliert. Warum Wiberg dabei ungewöhnliche Wege geht und mit nepalesischen Bauern Räucheröfen entwickelt.

Sie leiten in dritter Generation ein Familienunternehmen.Ganz ehrlich, wie wichtig sind Kräuter und Gewürze bei Ihnen zu Hause?
Marcus Winkler: Unsere Küche zu Hause ist eine Gastroküche, die immer voll ist. Ich schleppe alles nach Hause, was wir an Prototypen haben, um zu testen. Leider habe ich dann oft zu wenig Zeit, dann bleibt das an meiner Frau hängen. Ich habe schon viele Ernährungsvarianten ausprobiert, auch extreme – von absolut vegan bis zu raw. Ich finde es spannend, in Extreme reinzutauchen und zu schauen, was es mit dem Körper macht. Das ist für mich allerdings kein Glaubensthema, mir geht es auch nicht um eine politische Position, ich will vielmehr wissen, wie es wirklich funktioniert. Wir haben zu Hause auch schon TCM und Ayurveda durchgespielt.

Was haben Sie daraus für sich mitgenommen?
Winkler: Ich habe gelernt, meinen eigenen Magen als Sensor zu nutzen. Dafür musste ich am Anfang erst ein Gefühl bekommen. Auf den Bauch hören im wahrsten Sinne des Wortes. TCM hat vom Rezeptieren geniale Ansätze, daraus resultiert ja auch die 5-Elemente-Küche. Bei Ayurveda fand ich den Umgang mit Öl spannend, die Einteilung in Typen aber unpraktisch. Ich mache mir immer Gedanken, wie man das für die Industrie umsetzen kann. Das wird schwierig, wenn man nur einzelne Gruppen anspricht.

Welches Gewürzerlebnis hat Sie persönlich am meisten angesprochen?
Winkler: Welches wollen Sie hören? Eine wunderschöne Geschichte habe ich vor etwa zehn Jahren bei einem Gewürzbauern in Indien erlebt. Bei uns würde man sagen ein Bauernhof, mit zehn Hektar vielleicht, mit einem steil am Hang verlaufenden Garten mit ganz schwarzem, fetten Boden. Egal, wo man da hingespuckt hätte, da wäre überall etwas gewachsen. Wir gingen vorbei an Ingwer, Kardamom, Pfeffer und fleischfressenden Pflanzen. Eben wie man sich Indien vorstellt. Anschließend wurden wir zum Essen eingeladen und sie erzählten uns, welches Gewürz welchem Familienmitglied guttut. Fantastisch war der Duft der am Feuer angerösteten Gewürze, aus denen ein klassisches Curry zubereitet wurde.

Als Kind bin ich kopfüber in frisch gemahlenen Pfeffer gefallen. Das war meine Taufe.
Marcus Winkler über sein prägendes Kindheitserlebnis mit Gewürzen

 

Marcus Winkler Wie nahe sind Sie jetzt an den Gewürzen dran?
Winkler: Im Einkauf bin ich nicht mehr vor Ort. Früher, während meiner Studienzeit, war ich viel in Asien und mit meinen Eltern in den Anbaugebieten. Wenn man mich fragt, ob es mir fehlt, muss ich Jein sagen. Indien in vier Tagen oder Vietnam in zwei Tagen waren nicht so romantisch. Dennoch ist es schön und nährt das Herz. Heute bin ich eher in der Anwendung. Mein Büro ist direkt über dem Technikum, unserem Innovationszentrum. So kann ich immer meine Nase reinstecken, um aus der Sicht des Konsumenten zu schauen, wie das Produkt ankommt. Ich versuche, mich hineinzuversetzen, wie wir es machen würden, wenn wir alle unbelastet wären, um Menschen ein schönes Erlebnis zu bescheren. Am Ende des Tages ist entscheidend, dass es schmeckt.

Das klingt sehr vorausdenkend. Würden Sie sich als Unternehmer auch so charakte­r­isieren?
Winkler: Dass ich ein Visionär bin, geht mir schwer über die eigenen Lippen. Ich will das Unternehmen voranbringen und dafür habe ich die richtigen Dinge erkannt. Ich bin bekannt für die Untugend der Ungeduld. Hier muss ich mich oft zügeln. Wir von Wiberg sind bewusst ein bisschen anders und das ist sicher auch auf mich zurückzuführen. Unser Projekt in Nepal ist ungewöhnlich: Wer macht sich schon die Arbeit, um mit nepalesischen Bauern Räucher­öfen zu entwickeln, wenn man Kosten und Nutzen betrachtet. Was man bekommt, ist ein einzigartiges Produkt und Gewürze sind eben auch ein wesentlicher Stimulator für den Körper.

Was ist aus Ihrer Vision geworden, das Unternehmen zum führenden internationalen Geschmacks- und Genusslieferanten für Lebensmittelproduzenten und Gastronomen zu entwickeln? Das hatten Sie sich 2001 vorgenommen, als Sie die Führung übernahmen.
Winkler: Wir sind ziemlich weit gekommen. 2001 hatten wir einen Umsatz von 74 Millionen Euro, heute sind es 138 Millionen. Wir sind vor allem international gewachsen – in Russland, der Ukraine und der Türkei. Die Märkte, wo wir den Fuß oder die große Zehe drinhaben, sind Europa, die GUS-Länder, die Türkei und unser Nordamerika-Geschäft. Es hat vor allem auch die Vielfalt an Produkten zugenommen, wo wir uns aber auch fragen müssen, wie viel das Regal verträgt.

Sie sind mit dem Betrieb aufgewachsen. Durften Sie ihn als Abenteuerspielplatz nutzen?
Winkler: Damals in der Produktion war es noch nicht so genau mit den Zertifikaten, da bin ich verbotenerweise mit dem Fahrrad durch die Hallen gefahren und kopfüber im frisch gemahlenen Pfeffer gelandet. Das war meine Taufe und eine riesige Schweinerei. Ich hatte den Pfeffer in den Augen, der Nase, im Mund und sogar in den Ohren. Das hat höllisch gebrannt und gejuckt. Seitdem bin ich nicht mehr durch die Produktion gefahren.

Sie haben schon erzählt, welche Rolle Gewürze bei Ihnen privat spielen. Aber wie werden die Gewürzphilosophie und die Philosophie des Essens im Unternehmen gelebt?
Winkler: Wir haben ein Restaurant, ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich Kantine sagen, denn das ist es nicht. Es ist wirklich ein Restaurant. Unsere Mitarbeiter sind mitten dabei, wenn es um die Umsetzung von Trends geht und darum, wie man den Geschmack ins Essen bekommt. Unsere Mitarbeiter werden sozusagen beglückt und geben natürlich ihr Feedback zum Essen. Wir bieten auch Kochkurse für sie an, die sind immer ausgebucht. Ich bin also nicht der Einzige, der gerne isst und kocht im Unternehmen.

Wie lädt der Privatmann Marcus Winkler seine Akkus wieder auf?
Winkler: Ich hole mir meine Energie klassisch zu Hause, wenn ich mit den Kindern durch den Wald tobe, aber auch beim Sport. Wenn ich mit der Enduro durchs Gelände heize oder Trail fahre, das hat schon was. Ich kann aber auch beim Kochen irrsinnig gut abschalten. Gemüse schnippeln ist für mich keine Strafe.

www.wiberg.eu

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