Die Ernährungspyramide war schon Streitthema, bevor die USA sie umgedreht haben

Eine Pyramide hat in der Ernährung nur einen Job: schnell erklären, wie man sich „im Großen“ ernähren soll. Genau deshalb ist es politisch so wirksam, sie umzudrehen.
Jänner 14, 2026 | Text: Redaktion | Fotos: KI

Seit Anfang Jänner sorgt in den USA eine neue Darstellung der Dietary Guidelines 2025–2030 für Aufregung: oben (bzw. jetzt unten als Fundament) stehen Protein, Vollfett-Milchprodukte und „gesunde Fette“ – ausdrücklich inklusive Butter und Rindertalg. Getreide rutscht nach unten ans schmale Ende.

Zeit, das Ding einmal auseinanderzunehmen: Woher kommt die Ernährungspyramide eigentlich? Warum ist sie so anfällig für Ideologie (und Lobbyismus)?

food-pyramid_ai-generated
Fett ist Trumpf: In den USA steht die Ernährungspyramide neuerdings Kopf – Foto: KI-generiert

Seit Anfang Jänner sorgt in den USA eine neue Darstellung der Dietary Guidelines 2025–2030 für Aufregung: oben (bzw. jetzt unten als Fundament) stehen Protein, Vollfett-Milchprodukte und „gesunde Fette“ – ausdrücklich inklusive Butter und Rindertalg. Getreide rutscht nach unten ans schmale Ende.

Zeit, das Ding einmal auseinanderzunehmen: Woher kommt die Ernährungspyramide eigentlich? Warum ist sie so anfällig für Ideologie (und Lobbyismus)?

food-pyramid_ai-generated
Fett ist Trumpf: In den USA steht die Ernährungspyramide neuerdings Kopf – Foto: KI-generiert

Wer hat die Ernährungspyramide erfunden?

  • 1974, Schweden: Die erste bekannte „Food Pyramid“ entstand in den 1970ern – als pragmatische Antwort auf steigende Lebensmittelpreise. Eine zentrale Rolle spielte Anna-Britt Agnsäter (Kooperativa Förbundet), die das „Dreiecksmodell“ popularisierte.
  • 1992, USA: Die berühmte USDA Food Guide Pyramid erschien erst später und wurde zum globalen Popkultur-Poster.
  • Danach wurde viel redesignt: MyPyramid (2005), MyPlate (2011) – und jetzt 2026 wieder Pyramide, nur eben auf dem Kopf.

Was Kennedy geändert hat:

Die neuen US-Empfehlungen setzen – grob gesagt – auf „real food“ statt Ultra-Processed, weniger Zucker und raffinierte Carbs, mehr Protein. Dazu kommen ein paar Punkte, die den Aufruhr erklären:

  • Protein-Empfehlung deutlich rauf (in Berichten: 1,2–1,6 g pro kg Körpergewicht)
  • Fette: weniger Angst vor gesättigten Fetten aus „Whole Foods“ (gleichzeitig bleibt in der Kommunikation der Zielwert „unter 10%“ oft bestehen)
  • Grains: vom Sockel runter – statt „Basis der Ernährung“ eher Beilage (vorzugsweise Vollkorn)
  • Symbolpolitik inklusive: Das neue Visual ist nicht nur „anders“, es ist bewusst ein Statement.

Wichtig: Diese Guidelines sind nicht „Gesetz für Privathaushalte“, aber sie prägen in den USA Schulessen, Militärverpflegung, öffentliche Einrichtungen und Programme – also das, was Millionen täglich auf dem Tablett haben.

Warum die Pyramide so oft kritisiert wird

Die Ernährungspyramide ist ein starkes Bild – und genau das ist ihr Problem: Ein Bild muss vereinfachen. Und Vereinfachung ist in der Ernährung schnell ein Minenfeld.

Die häufigsten Kritikpunkte:

1) Sie tut so, als wären alle Kohlenhydrate gleich.
„Grains“ waren lange ein Block – Vollkorn und Weißmehl liefen im gleichen Film. Das war kommunikativ bequem, fachlich schwierig.

2) Sie ist anfällig für Industrie-Interessen.
Berühmt-berüchtigt: In den frühen 90ern wurde eine USDA-Version („Eating Right Pyramid“) laut Forschung/Quellenlage nach Druck von Fleisch- und Milch-Lobbys zurückgezogen bzw. entschärft.

3) Sie sagt wenig über Qualität innerhalb einer Gruppe.
„Protein“ kann Fisch bedeuten – oder täglich Burger. Im Pyramidenbild wirkt beides erst mal gleich plausibel.

4) Portionsgrößen & Alltag fehlen.
Die Pyramide ist ein Muster, kein Einkaufszettel. Sie hilft beim „großen Ganzen“, scheitert aber oft am Supermarkt-Regal.

Was Fachleute an Kennedys Ansatz nervös macht

Der Teil, der wenig Widerspruch erzeugt: weniger Zucker, weniger stark verarbeitete Produkte, mehr Kochen, mehr echte Zutaten. Das ist in vielen Studien und Leitlinien ohnehin Mainstream – und auch in der Kommunikation leicht verständlich.

Der Teil, der Fachleute triggert: die starke Betonung von rotem Fleisch, Vollfett-Milchprodukten und „natürlichen“ gesättigten Fetten als quasi rehabilitierte Helden. Genau hier warnen Organisationen und Forschende vor Effekten auf Herz-Kreislauf-Risiken – und manche sehen auch eine politische Aufladung („clean“ vs. „künstlich“), die wissenschaftliche Nuancen plattbügelt.

Dazu kommt ein kommunikativer Stolperstein: „Ultra-processed“ ist zwar ein Begriff mit Wucht – aber die Definition ist wissenschaftlich und politisch umkämpft, je nachdem, ob man nach Zutatenlisten, Verarbeitungsschritten oder Lebensmittelmatrix schaut.

Rindertalg als Symbol – und als Geschäft

Dass Beef Tallow in den Guidelines überhaupt als Option auftaucht, ist mehr als ein Detail. Kennedy hat Rindertalg schon vor Amtsantritt öffentlich gefeiert und Seed Oils kritisiert.

Parallel dazu ist Talg längst ein Markttrend geworden:

  • Lebensmittelindustrie & Handel reagieren: FoodNavigator beschreibt einen Marktschub rund um Beef Tallow, getrieben durch Social Media und Kennedy/MAHA-Narrative.
  • CPG zieht nach: Food Dive berichtet über Hersteller, die von Seed Oils weg und Richtung Tallow/Alternativen umstellen (inklusive großer Commitments).
  • Gastro testet es als Qualitäts-Story: Investopedia beschreibt, wie Tallow in Menüs, Snack-Produkten und darüber hinaus wieder auftaucht.
  • Fast Food macht’s zur Kampagne: Steak ’n Shake vermarktet die Umstellung auf Tallow-Frites sogar als „RFK’d our fries“ – laut Berichten mit dem Hinweis, dass es mindestens genauso um Geschmack/Positionierung wie um Gesundheit geht.

Kurz: Die umgekehrte Pyramide liefert ein offizielles „Okay“ für eine Bewegung, die ohnehin schon Umsatz produziert – von der Fritteuse bis ins Regal.

Werde jetzt Member.
100% kostenlos.

Als Member kannst Du alle unsere Artikel kostenlos lesen und noch vieles mehr.
Melde dich jetzt mit wenigen Klicks an.
  • Du erhältst uneingeschränkten Zugriff auf alle unsere Artikel.
  • Du kannst jede Ausgabe unseres einzigartigen Magazin als E-Paper lesen. Vollkommen kostenlos.
  • Du erhältst uneingeschränkten Zugriff auf alle unsere Videos und Masterclasses.
  • Du erhältst 50% Rabatt auf Rolling Pin.Convention Tickets.
  • Du erfährst vor allen Anderen die heißesten News aus der Gastronomie und Hotellerie.
  • Deine Rolling Pin-Membership ist vollkommen kostenlos.
Alle Vorteile
Login für bestehende Member

Top Arbeitgeber


KOSTENLOS MEMBER WERDEN
UND UNZÄHLIGE VORTEILE genießen

  • Insights aus der Gastro-Szene, ganz ohne Bullshit.
  • Personalisierte Jobvorschläge & die besten Jobs aus der ganzen Welt
  • Alle Online-Artikel lesen & Zugriff auf das Rolling Pin-Archiv
  • VIP-Einladungen zu ROLLING PIN-Events und vieles mehr…