Ukraine: Für junge Köche ein Land der zerbrochenen Träume

Junge ukrainische Köche haben einen Traum, ihre heimische Küche zu einer international angesehenen Kochkunst zu entwickeln. Doch mit dem Kriegsausbruch löst sich alles in Ungewissheit auf. Eine Geschichte über Freundschaft, Hoffnung und ein unfassbares Unglück.
Feber 25, 2022 | Text: Niko Zoltan | Fotos: IKA/Olympiade der Köche

Februar 2014: Demonstranten in der Ukraine stürzen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Während der Revolution werden mehr als 100 Menschen getötet.

April 2014: Russland besetzt und annektiert die Krim. Die Regionen Donetsk und Luhansk lösen sich von der Ukraine. 13.000 ukrainische Soldaten und Zivilisten sollten in den folgenden Konflikten sterben.

April 2019: Volodymir Zelensky wird zum Präsidenten gewählt.

2020. Der Kochwettbewerb IKA/Olympiade der Köche in Stuttgart steht an. Kochkünstler aus aller Welt machen sich bereit, sich der großen Konkurrenz zu stellen. Über 2.000 Köche aus mehr als 50 Nationen sollten am Mega-Event teilnehmen. Darunter auch erstmals ein Senior- und ein Junior-Nationalteam aus der Ukraine.

November 2021: Die USA berichten von ungewöhnlichen russischen Truppenbewegungen nahe der ukrainischen Grenze.

Ein Land, dessen kulinarische Geschichte auf den ersten Blick in der Vergangenheit festzustecken scheint: Man denkt an Borschtsch, die traditionelle Suppe aus Roter Beete, oder Banosch, ein einfaches Gericht aus Polenta und Schafskäse. Doch der Schein trügt. Junge Köche brennen darauf, die Nationalküche weiterzuentwickeln. Und sie wollen sich vor internationalen Augen beweisen. Sie sind bereit.

„Da muss doch was gemacht werden“

Aber dann droht der Traum von der ersten Teilnahme der Ukraine an der IKA zu platzen: Ein großer Sponsor der Jugend-Nationalmannschaft ist abgesprungen, auf eigene Faust können die aufstrebenden Köche – allesamt Lehrlinge, Commis de Cuisine oder Kochschüler unter 23 – die Reisekosten nicht stemmen, geben sie enttäuscht bekannt.

Stefan Faulstich liest den Post. Er führt das familiäre Landhotel Rhönblick in Hessen und ist, neben zahlreicher anderer gemeinnütziger Tätigkeiten, Vorsitzender des Vereins der Köche Fulda. Zur Ukraine hegt er schon lange ein liebevolles Verhältnis, er bewundert das Land und besucht es immer wieder. Außerdem ist die Jugendförderung eines seiner größten Anliegen. “Da muss doch was gemacht werden”, sagt er sich – und macht es. In seinem Netzwerk aus namhaften deutschen und österreichischen Köchen ruft er zum Spendensammeln auf, 3,5 tausend Euro braucht er, um die Ukrainer nach Stuttgart zu bringen. Innerhalb von 24 Stunden hat er 5,5.

Dezember 2021: Moskau fordert wiederholt eine Garantie dafür, dass die Ukraine kein Mitglied des Verteidigungsbündnisses NATO wird.

„Es war eine wunderbare Zeit“

Damit erfüllt er den ehrgeizigen Jugendlichen einen Traum. Und die Geschichte hat erst begonnen. In den Tagen vor dem Wettkampf unterstützt Faulstich die Jugendmannschaft und auch seine erwachsenen Kollegen aus der Ukraine. Er hilft beim Wareneinkauf, organisiert Räume zum Proben, gibt seine Erfahrung weiter. Und die Ukrainer zeigen sich wissbegierig, engagiert und voller Tatendrang. “Es war eine wunderbare Zeit”, sagt Faulstich später über jene zehn Tage.

22. Februar 2022: In einer Fernsehansprache erkennt Putin die Unabhängigkeit der zwei separatistischen Regionen der Ukraine an.

„Die hohe Kochkunst hat dort wirklich Einzug gehalten“

Was aus dem Erlebnis entsteht, ist eine enge Freundschaft zwischen dem Verein der Köche Fulda und der Köche-Community aus dem gut tausend Kilometer entfernten Land. Jährlich fährt Faulstich hin und erzählt von seinen Reisen: “In Kyjiw und Odessa gibt es großartige Restaurant-Konzepte und Entrepreneure. Die hohe Kochkunst hat dort wirklich Einzug gehalten.” Eine Gruppe von Jungköchen besuchte gerade erst im November Deutschland, um von den Sterneköchen der Region zu lernen.

24. Februar 2022, 03:00 UTC: Putin kündigt an, er habe eine militärische Operation in der Ost-Ukraine befohlen. Minuten später kommt es zu den ersten Raketenangriffen im ganzen Land, auch in der Hauptstadt Kiev.

„Jetzt sind die Träume wohl erstmal geplatzt“

Diplomatische Bemühungen scheitern. Bomben fallen. Für ein Land geht es jetzt um die Existenz. „Vor ein paar Tagen konnte sich das keiner vorstellen, welches Ausmaß der russische Angriff annehmen würde. Jetzt sind die Träume der jungen Leute dort wohl erstmal geplatzt“, sagt Faulstich. Er muss hörbar die Tränen zurückhalten. Der Zusammenhalt der Hotels und Restaurants in Deutschland sei phänomenal, viele Kollegen hätten schon angeboten, Flüchtlinge anzunehmen, wenn sie kommen. Fürs Erste kann der hessische Koch aber nichts unternehmen, außer die Lage im Fernsehen zu beobachten. Das Gefühl der Hilflosigkeit setzt ihm zu.

24. Februar 2022, 22:00 UTC: Russische Streitkräfte erobern die Schlangeninsel im Schwarzen Meer. Alle 13 dort stationierten Grenzwachen werden getötet. Insgesamt sterben am ersten Tag der Invasion mindestens 137 Ukrainer, darunter laut Medienberichten auch Zivilisten, medizinisches Personal und mindestens ein Kind.

„Bei einem Krieg gibt es nur Verlierer“

„Wir würden auch helfen, wenn es die Russen wären, die Hilfe brauchen“, betont der Gastronom. Es gehe nicht darum, aus welchem Land Hilfsbedürftige kommen. „Bei einem Krieg gibt es nur Verlierer“, sagt er.

25. Februar 2022: Präsident Zelensky wendet sich mit einer emotionalen Rede an das ukrainische Volk: “Russland wird früher oder später mit uns reden müssen. Darüber, die Kämpfe zu beenden und die Invasion zu stoppen.” Er spricht aber auch zu russischen Demonstranten, die ein Ende der Agressionen fordern: “Allen Bürgern der Russischen Föderation, die auf die Straße gehen, um zu protestieren, möchte ich sagen: Wir sehen euch.”

Wegen der Generalmobilmachung dürfen die jungen Köche, mit denen Faulstich in Kontakt ist, das Land nicht verlassen. Für männliche Staatsbürger zwischen 18 und 60 Jahren gibt es eine Ausreisesperre. „Sie wollen aber auch gar nicht flüchten“, erzählt er, „sie sagen ‚Ich will mein Land verteidigen.'“

25. Februar 2022, 13:00 UTC: Russland sei nach Angaben des Kremls bereit zu Verhandlungen mit der Ukraine.

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