Anthony Bourdain: Sein letzer Gang

Der 8. Juni 2018 war ein seltsamer Freitag: Berichte über Anthony Bourdain gingen an diesem Tag nicht nur bei CNN über den Bildschirm. Nein, alle TV-Stationen brachten die traurige Nachricht: der außergewöhnliche Geschichtenerzähler hatte seinem Leben in einem Hotelzimmer in Frankreich ein Ende gesetzt.
Juni 29, 2018 | Text: Andrea Böhm | Fotos: Shutterstock

Viele konnten und können es noch immer nicht glauben, doch es ist wahr: Der Mann, der so viele Menschen mit seiner Liebe zu Lebensmitteln, zu Essen und zur Kultur inspiriert hat, Anthony Bourdain, ist tot. Ausgerechnet bei Dreharbeiten zu einer neuen Staffel von „Parts Unknown“ im französischen Straßburg hat er beschlossen, diese Welt für immer zu verlassen. Die Reaktionen auf seinen Tod waren überwältigend.

Angefangen von einer Medienberichterstattung, die ihresgleichen sucht – allen voran die teilweise herzzerreißende seiner Kollegen auf CNN –, über Reaktionen von Prominenten aus allen Genres bis hin zu Tweets, Posts sowie Videos von Fans auf der ganzen Welt. Selbst der ehemalige US-Präsident Barack Obama hat sich zu Wort gemeldet. Die beiden haben sich vor zwei Jahren abseits der politischen Bühne in Hanoi auf ein Essen getroffen.

anthony bourdain im Interview

Er schreibt in seinem rührenden Tweet: „Niedriger Plastikhocker, billige, aber leckere Nudeln, kaltes Hanoi-Bier. So werde ich mich an Tony erinnern. Er lehrte uns viel über das Essen – und noch wichtiger ist, dass er uns beibrachte, wie uns Essen zusammenbringen kann. Um uns ein bisschen weniger Angst vor dem Unbekannten zu machen. Wir werden ihn vermissen.“ Genau in dieser Mission – nämlich die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen – war Anthony Bourdain im Jahr 2016 im kleinen Ort Purbach im österreichischen Burgenland unterwegs.

Dort hat er für seine Sendung „No Reservations“ den ausgezeichneten Koch Max Stiegl besucht, der für seine Innereienküche bekannt ist. „Wir haben damals den Nachmittag gemeinsam verbracht, ein Lamm geschlachtet, es aufgebrochen und es zur Gänze verarbeitet.“ Stiegl hatte zwar nicht wirklich lange mit Bourdain zu tun, doch diese Erfahrung möchte er nicht missen. „Er war der Kumpeltyp. Ich glaube, dass er mit jedem gut gekonnt hat.

Er hat jeden Koch, dem er begegnet ist, sofort auf die gleiche Ebene mit sich gehoben und man hat sich sofort wertgeschätzt gefühlt“, erzählt der Chefkoch. Ob dem US-Amerikaner letztendlich das Essen geschmeckt hat, kann Max Stiegl nicht sagen, aber: „Er hat den Aufwand, die Arbeit und das Projekt, das wir machen, wertgeschätzt.“ Für den Burgenländer mit kroatischen Wurzeln sehr wichtig, denn er weiß auch, dass es anders geht. Vor zehn, zwölf Jahren wurde er mit seiner Alles-vom-Tier-Philosophie noch belächelt.

„Ich finde es großartig und ich bin ihm mehr als dankbar, dass er damals bei uns war. Dadurch ist die Botschaft nach außen gegangen und hat viele andere ermutigt.“ Stiegl zehrt nicht nur im übertragenen Sinn von diesem Treffen, er wird sogar heute noch immer auf diese Episode von „No Reservations“ angesprochen. „Vor ein paar Wochen war ich in New York in einem Restaurant auf der 5th Avenue essen. Die haben mich gefragt, ob ich mit Anthony Bourdain gedreht habe, die hatten das gegoogelt.“

anthony bourdain sxhwarz weiß portrait

Bis heute kommen Menschen auf den Gastronomen zu und sprechen ihn auf seine Begegung mit Anthony Bourdain an. Vom Koch zum Kritiker Der französischstämmige Anthony Bourdain erkannte schon in jungen Jahren, dass die Küche sein Revier ist, und startete wie so viele: Seine Grundausbildung als Koch bekam er im renommierten Culinary Institute of America, einer Gastronomieschule in New York.

Danach folgten verschiedene Stationen in New Yorker Restaurants, bis er sich schließlich zum Chefkoch hocharbeitete und die in der Zwischenzeit geschlossene Brasserie Les Halles leitete. Aber Bourdain wollte mehr. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust, aufs Burn-out zu warten. Irgendetwas trieb ihn auf jeden Fall an und er schickte Ende der Neunziger dem New Yorker auf Eigeninitiative einen schonungslosen Bericht.

In diesem legte er Details über die Arbeitsweise von Restaurants und deren Küche offen: von den endlosen Schichten, vom Geschrei der Chefs und Betrug an den Gästen. Diese Offenheit hatte zu dem Zeitpunkt anscheinend gefehlt, das Interesse der Öffentlichkeit war geweckt und der Stoff reichte sogar für ein ganzes Buch. „Geständnisse eines Küchenchefs: was Sie über Restaurants nie wissen wollten“ hieß Bourdains Umstieg vom Chefkoch zum Kritiker und machte ihn im Jahr 2000 berühmt.

Das Buch diente Bourdain auch als Sprungbrett zur TV-Karriere, was wahrscheinlich seine eigentliche Berufung war. Zu Gast in exotischen Küchen In der Sendung „No Reservations“, in Deutschland lief die Sendung unter dem Titel „Anthony Bourdain – eine Frage des Geschmacks“, stellte er beim Reisesender Travel Channel unbekannte Restaurants und für Amerikaner ungewöhnliche Food­trends vor. Bereits für diese Sendung war er nicht auf der Suche nach Top-Restaurants, in denen es überall auf der Welt gleich schmeckt.

Er wollte ganz gewöhnliche Lokale, wichtig waren die Personen dahinter, die mit Verstand und Können ihrer Arbeit nachgingen. Darunter auch das eingangs erwähnte Gut Purbach im Burgenland in Österreich. Danach wechselte er zu CNN, für das er seit 2013 in mittlerweile elf Staffeln seiner Sendung „Parts Unknown“, in Deutschland unter dem Namen „Anthony Bourdain – kulinarische Abenteuer“ ausgestrahlt, weniger bekannte Orte der Welt und deren Restaurants besuchte.

Das Besondere war wohl, dass Bourdain nicht als Starkoch in den Küchen dieser Länder stand, sondern als Gast, der ehrliches Interesse an anderen Kulturen und deren Spezialitäten zeigte. Er war Entdecker und Abenteurer und signalisierte den Menschen vor den Bildschirmen, wie spannend es sein kann, sich für das Unbekannte zu entscheiden. Zu seinen Reisezielen zählten Myanmar, Libyen, Kolumbien, Tanger, Peru, der Kongo, aber auch London, Marseille, Köln und Berlin.

Anthony Bourdain

Für dieses Format erhielt Bourdain zahlreiche Preise, darunter fünf Emmy Awards. Mit der Produktion dieser Beiträge konnte Bourdain zwei Leidenschaften verbinden: das Reisen und die gute Küche. Was er nebenbei auch noch weiter auslebte, war seine Leidenschaft zu schreiben. Hier findet man allerdings – wie man annehmen könnte – kaum Kochbücher, sondern Kriminalromane und Tatsachenberichte. Das Phänomen Bourdain Anthony Bourdain hatte schon immer einen Hang zum Übermaß.

Er hat offen darüber gesprochen, in den 80er-Jahren kokainabhängig gewesen zu sein und zu viel Alkohol getrunken zu haben. Ein weiteres Laster – das Rauchen – gab er vor einigen Jahren seiner Tochter zuliebe auf. Die Drehtage vor seinem Suizid scheinen, laut Aussagen von Augenzeugen, normal verlaufen zu sein, keiner hätte erkannt, dass etwas nicht stimme. Und doch: Bei diesen Dreharbeiten in Frankreich zur zwölften Staffel der beliebten Serie „Parts Unknown“ hat sich der 61-Jährige das Leben genommen.

CNN kommentierte sein Ableben so: „Seine Liebe zu großen Abenteuern, neuen Freunden, gutem Essen und Trinken und den bemerkenswerten Geschichten der Welt machte ihn zu einem einzigartigen Geschichtenerzähler. Unsere Gedanken und Gebete sind bei seiner Tochter und seiner Familie in dieser unglaublich schwierigen Zeit.“ An den Mitteilungen, die man über das Internet frei Haus geliefert bekommt, erkennt man eine Welle des Schocks und des Nicht-Verstehens an der Art, wie Anthony Bourdain aus dem Leben getreten ist.

Wahrscheinlich ist das Verwirrendste an allem, dass man diesen Menschen am Bildschirm sieht und denkt: Mann, hast du ein unglaublich cooles Leben. Man denkt, man sieht einen Lebemenschen und doch war er einer, der dieses Leben offenbar nicht mehr gewollt hat.

www.anthonybourdain.net

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