Sarah Wiener insolvent

Die deutschösterreichische Unternehmerin, Fernsehköchin, Autorin und Politikern musste für ihre Restaurants und das Catering Insolvenz anmelden.
Juli 23, 2020 | Fotos: beigestellt

„Für mich geht damit vorerst meine dreißig Jahre dauernde Catering- und Gastronomie-Ära zu Ende“, schreibt eine emotionale Sarah Wiener. Mit ihrem Facebook-Post ging die politisch engagierte Gastronomin vor kurzem damit an die Öffentlichkeit.

 

„Besonders bitter ist das für meine Mitarbeiter*innen, die zum Teil weit über 15 Jahre mit mir gekocht und gearbeitet haben. Viele sind Freunde geworden; wir haben zusammen gearbeitet, gelacht, gekocht, Ideen verwirklicht und für eine bessere, nachhaltigere Catering- und Restaurantkultur gekämpft“, verabschiedet sich Wiener von ihren Mitarbeitern.

Für mich geht damit vorerst meine dreißig Jahre dauernde Catering- und Gastronomie-Ära zu Ende.

Wie, wann und ob es für die polarisierende Köchin weitergeht, ließ sie indes noch offen. Wer Sarah Wiener kennt, weißt aber, dass sie früher oder später wieder ihr Leben der Gastronomie widmen wird.

Von der Sozialhilfeempfängerin zur kulinarischen First Lady

Sie ist eine Quereinsteigerin wie sie im Buche steht. Denn die beliebte Fernsehköchin, die sich mit Taekwondo durchs Leben und aus ihrem Status als Sozialhilfeempfängerin geboxt hat, stand seit Monaten mit beiden Beinen im politischen Haifischbecken. Als Tochter der bildenden Künstlerin Lore Heuermann und des Jazzmusikers Oswald „Ossi“ Wiener, der jedem aus der Szene ein Begriff sein dürfte, verwundert es kaum, dass sie eine Querdenkerin ist. Ihrer rebellischen Jugend verlieh die damals 17-Jährige jedenfalls mit einem Schulabbruch Nachdruck und „entfloh“ ihrer Mutter aus Wien in Richtung Berlin zu ihrem Vater, wo sie im „Exil“ – Ossi hatte das Lokal nach der Trennung von Lore Heuermann treffender Weise so benannt – ihre ersten Berührungen mit der Gastronomie machte. Mit dürftigen Kellner-Jobs und Taschengeld vom Staat hielt sie sich und mittlerweile auch ihren Sohn finanziell über Wasser.

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Stürmische Zeiten: Sarah Wiener musste für ihre Restaurants und das Catering Insolvent anmelden.

Zwischendurch wurde sie zweifache Taekwondo-Stadtmeisterin. Ein ausrangierter Militär-Küchenwagen, mit dem sie Filmsets bekochte, beförderte ihr schlummerndes Kochtalent schließlich zu Tage. Der Rest ist Geschichte, wie es so schön heißt: Ein eigenes Cateringunternehmen, Restaurants, die „Sarah Wiener Gruppe“ und eine glänzende Fernsehkarriere, die sie quer über den Globus führte – und ihre Grübchen zum Wiedererkennungsmerkmal machte. Grübchen, die in fast 100 Sendungen zu sehen waren, wo sie sich durch internationale Küchen kochte: Von den Alpen, über Frankreich und Großbritannien, von wo aus sie auch den Rest Europas erschloss; später dann auch Marrakesch und Asien.

Wieso wechselt man also ausgerechnet von der Weltenküche in die Sitzungssäle streitfreudiger Anzugträger, wo das einzige Brodeln aus der Gerüchteküche zu vernehmen ist? Wie sich herausstellt, liegen die zwei Welten gar nicht so weit auseinander, wie man vermutet. Zumindest ihre Agenden bei den österreichischen Grünen, deren zweite Spitzenkandidatin sie seit dem 16. März ist, verraten, dass sie ihre Wurzeln nicht vergessen hat.

Ohne Angst gegen internationale Multis

„Momentan wird etwas gefördert, das verursacht, dass sogar ich Glyphosat pinkle“, hatte sie etwa erzürnt die Förderpolitik in der Landwirtschaft kommentiert. So kennt man sie, die Weltenbummlerin: Mit einem ansteckend strahlendem Lächeln im Gesicht, freundlichen Augen und einer ansteckend positiven Energie – aber eben auch als Frau, die ihre Meinung kundtun kann. Knallhart und kompromisslos.

Kein Wunder also, dass man der Sarah Wiener die gesagten Worte als authentisch abkauft. Dass man ihr abkauft wenn sie sagt: „Mit meinem Geschäft werde ich nicht reich, ich achte vielmehr auf die gute Qualität der Produkte.“ Ok, ganz verarmen wird die erfolgreiche Unternehmerin vielleicht dann doch nicht. Denn wenn man den Verlauf ihrer Karriere betrachtet, werden selbst Top-Manager grün vor Neid: Zur „Sarah Wiener Gruppe“ zählen heute sechs Gastronomieunternehmen, eine Vertriebsgemeinschaft und eine Stiftung – von insgesamt 17 veröffentlichten Büchern und nahezu 100 Fernsehsendungen gar nicht zu sprechen.

„Wer braucht schon gesundes Essen?“

Oder dass man ihr abkauft, wenn sie derzeit provokant vom Wahlkampf-Werbesujet heraus fragt: „Wer braucht schon gesundes Essen? Du?“ Gesunde Tiere, gesunde Böden und eine nachhaltige Landwirtschaft, das fordert sie aber nicht erst seit ihrer Kandidatur für Brüssel. An die Politik hat sie sich schon vor Jahren herangetastet: Mit den deutschen Grünen – damals Renate Künast – hat sie sich zusammengetan, um die Initiative „Rettet unsere Böden“ buchstäblich aus dem Boden zu stampfen.

Doch ihr hat es nicht mehr gereicht, vorzuleben, was möglich ist. Etwa auf ihrem Gut in Uckermark im Nordosten Brandenburgs, das sie mit zwei Geschäftspartnern nach dem tragischen Tod des Vorbesitzers 2014 übernommen hat. 700 Hektar werden auf dem „Gut Kerkow“ von 20 Mitarbeitern bewirtschaftet. Überflüssig zu erwähnen, dass es sich um einen Bio-Hof handelt, der seither ihre Lokale beliefert.

Nein, sie musste sich am Ende selbst in politische Gefilde wagen. Sonst könnte ihr Ziel, eine Kennzeichnungspflicht bei Nahrungsmitteln europaweit durchzusetzen oder gesundes Essen zum Menschenrecht zu erklären, nicht so schnell erreicht werden. Ihre Bekanntheit instrumentalisiert sie zu diesem Zweck, mit all ihren Ecken und Kanten. Sich an genau diesen festzuhaken, haben sich die Medien gleichzeitig zur Lebensaufgabe gemacht. Erst im März diesen Jahres waren es die 317.000 Euro, die das Gut Kerkow im Vorjahr an EU-Subventionen erhalten hat – einem Hof, an dem auch weiterhin biologisch „alles picobello“ abläuft, wie es der Grüne Listen-Kollege Werner Kogler ausgedrückt hatte. „Wie kann sich eine EU-Kandidaten von eben dieser subventionieren lassen?“ polterte die Presse hingegen.

Politische Stolperstein

Vergebens: Sarah Wiener wie auch die Grünen steckten diese ersten Negativschlagzeilen ihrer Politkarriere mit links weg, immerhin ist die Unternehmerin viel größere Brocken gewöhnt. So richtig medial die Finger verbrannt hatte sie sich dagegen Ende 2014, als die Daimler-Causa hochkochte. Zum Hintergrund: Erst wenige Monate zuvor hatte der Autoriese seine Firmenphilosophie in Sachen Werkvertragsunternehmer und Lieferanten verändert. Dagegen verstieß Sarah Wiener, deren Gruppe damals die Gastronomie des Mercedes-Benz-Museums in Stuttgart führte. Mitarbeiter arbeiteten mitunter über zehn Stunden täglich. Sie flog hochkant aus dem Vertrag, verteidigte sich später jedoch: Die Gastronomie sei nicht von ihr, sondern von der SW Museumsgastronomie und der Sarah Wiener GmbH gemanagt worden, Arbeitszeitverstöße seien unverzüglich korrigiert worden… erst nach und nach klang die aufgebauschte Welle der Empörung ab. In der Gastronomie mehr als zehn Stunden arbeiten? Das hat die Welt noch nicht gesehen (Ironie aus).

Während eine Unternehmerin derartige Stolperer mit klugen Schachzügen wieder wettmacht, können sie eine Politikerin schnell einmal den Kopf kosten. Nebensächlichste Sager können einen waschechten Skandal auslösen. Zur veganen Ernährung von Kindern sagte Wiener 2015 in einem Interview mit Focus Online: „Es kann nicht sein, dass wir Nahrung propagieren, mit der uns nur zusätzliche Chemie vor Mangelernährung schützt.“ Das sei „absurd und nicht sinnvoll“. Was die vegane Community von dieser Einstellung hielt, kann man sich gut vorstellen – und umso mehr, was die Medien daraus machen würden.

Vegane Kämpferin

Doch wer Sarah Wiener kennt, weiß, dass sie auch jetzt nicht davor zurückschrecken wird, von ihrem scharfen Mundwerk Gebrauch zu machen. So hält sie auch trotz des Shitstorms im Jänner 2019 an ihrer Einstellung zur veganen Ernährung fest und legt mit einer Kritik an industriell hergestellter Mandelmilch nach. Mandeln seien nur zu zwei Prozent darin enthalten, argumentierte sie in einem Facebook-Post. Überhaupt würden Mandeln in Kalifornien in Monokulturen herangezüchtet. Auf beleidigende Kommentare konterte sie: „Wenn ihr Menschen überzeugen wollt, dann mit Liebe und Geduld und Verständnis. Nicht mit Rufmord.“

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