Yuril Kovryzhenko: „Putin will die Identität der Ukraine zerstören“

Er ist einer der höchst dekorierten Chefs der Ukraine. Doch in den vergangenen Wochen hat selbst Yurii Kovryzhenko fast zur Waffe gegriffen, um sein Land zu verteidigen. Stattdessen organisiert er nun Charity-Dinner, um Hilfsgelder aufzustellen. Und so seinem Land zu helfen. Ein Gespräch über alles außer Fine-Dining.
April 28, 2022 | Text: Johannes Stühlinger | Fotos: Olexandra Kozlova

DER GASTRONOMISCHE DIPLOMAT

Eigentlich hätte Yurii Kovryzhenko bloß in der ukrainischen Botschaft in London aufkochen sollen. Doch dann kam alles anders: Putin marschierte in seiner Heimat ein. Seither lebt der vielfach ausgezeichnete Chef mit seiner Freundin Olga in den Räumlichkeiten der Botschaft. Und versucht seiner Heimat von England aus zu helfen, so gut er kann. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.

Yuril Kovryzhenko
Russland will die Identität der Ukraine auslöschen. Chef Yurii Kovryzhenko und sein Volk stemmen sich mit allen möglichen Mitteln dagegen. Nicht nur mit Waffengewalt.

DER GASTRONOMISCHE DIPLOMAT

Eigentlich hätte Yurii Kovryzhenko bloß in der ukrainischen Botschaft in London aufkochen sollen. Doch dann kam alles anders: Putin marschierte in seiner Heimat ein. Seither lebt der vielfach ausgezeichnete Chef mit seiner Freundin Olga in den Räumlichkeiten der Botschaft. Und versucht seiner Heimat von England aus zu helfen, so gut er kann. Wir haben ihn zum Gespräch getroffen.

Yuril Kovryzhenko
Russland will die Identität der Ukraine auslöschen. Chef Yurii Kovryzhenko und sein Volk stemmen sich mit allen möglichen Mitteln dagegen. Nicht nur mit Waffengewalt.

Wie gelingt es dir, deinem Land aus der Ferne zu helfen?
Yurii Kovryzhenko: Im Grunde betreibe ich jene gastronomische Diplomatie, die ich schon vor dem Krieg stets betrieben habe. Allerdings besteht nun noch viel dringenderer Bedarf daran. Das bedeutet in der Kurzfassung: Ich veranstalte in London Wohltätigkeitsessen, um Geld für die Ukraine zu sammeln. Bis heute waren es zehn Veranstaltungen, bei denen 343.000 Euro zusammengekommen sind. Zuletzt ein großes Dinner mit Jamie Oliver. Und es stehen noch weitere Veranstaltungen an.

Welche Berichte erreichen dich dieser Tage aus deiner Heimat?
Kovryzhenko: Alle meine Verwandten sind zu Beginn des Krieges ins Ausland gegangen. Fast alle meine Freunde – die meisten selbst Köche und Gastronomen – sind jetzt Freiwillige. Sie kochen für die ukrainischen Streitkräfte. In den Krankenhäusern, für ältere Menschen und Flüchtlinge. Gleichzeitig erreichen mich schlechte Nachrichten aus dem Agrarsektor: Dieser wird gezielt zerstört – doch der ist es, der die Ukraine und auch viele andere Länder ernährt. Doch selbst vor diesem Hintergrund haben die Bauern mit der Aussaat begonnen. Trotz der Raketenangriffe. Es geht um den Durst nach Leben, nach Schöpfung, nach Freiheit, der in der DNA eines jeden Ukrainers steckt.

Diese ukrainische Identität will Putin zerstören. Wie würdest du sie beschreiben?
Kovryzhenko: Ja, Putin will die Identität der Ukraine zerstören. In diesem Krieg tritt Putin in die Fußstapfen Hitlers und versucht einfach, eine Nation zu vernichten. Er hat schließlich wörtlich gesagt: „Ich werde entweder die Ukraine erobern oder sie zerstören.“ Die ukrainische Kultur ist nämlich einzigartig und in keiner Weise mit der russischen vergleichbar. Wir haben nichts gemeinsam, denn wir sind zwei völlig verschiedene Nationen. Für Russland war es jahrhundertelang profitabel, die Idee zu verbreiten, dass wir „Brüder“ seien und dass Borschtsch unser gemeinsames Gericht wäre …

Beides stimmt aus deiner Sicht nicht?
Kovryzhenko: In der Tat stammt die erste historische Erwähnung von Borschtsch aus dem Jahr 1584, und zwar nicht irgendwo, sondern in der ukrainischen Hauptstadt Kyiv. Und, nein, wir sind keine Brüder des russischen Volkes. Und ganz sicher sind wir nicht die „Kleineren“. Kyiv wurde mehrere Jahrhunderte vor Moskau gegründet. Als wir in Kyiv längst einen entwickelten Markt, Bildung und Kultur hatten, gab es dort, wo sich heute Moskau befindet, noch Wälder und Sümpfe. Deshalb sind die Ukraine und Russland auch nur Nachbarn. Aber ist die Nachbarschaft ein Grund zum Töten? Alles zu zerstören, was uns lieb ist?

Yuril Kovryzhenko
Vor Ausbruch des Kriegs tüftelte Yurii Kovryzhenko an einem neuen Restaurant-Konzept. Heute kocht er, um Spenden für sein Land zu sammeln.

Welche Frage beschäftigt dich in Anbetracht dieser Tragödie derzeit besonders?
Kovryzhenko: Am meisten bricht mir das Herz angesichts der Kinder, die ermordet und verstümmelt, Mädchen vergewaltigt und Jungen getötet werden. Es bricht einem das Herz, wenn ganze Familien erschossen werden, nur weil sie in ihren Autos aus dieser Hölle entkommen wollen. Und daher gibt es vor allem eine Frage: Warum? Warum brauchen die Russen all das? Warum brauchen diejenigen, die ihren blutigen Führer unterstützen – und das sind 78 Prozent der Bevölkerung – das alles? Warum tötet und zerstört man seinen Nachbarn? Daran knüpft sich noch eine weitreichendere Frage: Warum sponsern einige mächtige internationale Marken und Unternehmen all diese Gräueltaten? Sie arbeiten weiterhin in Russland und zahlen hohe Steuern, die für das Sponsoring von Waffen und das Töten von Zivilisten verwendet werden. Das bedeutet: viel Schmerz, Entsetzen und viele offene Fragen.

Du hattest vor dem Krieg russische Freundschaften. Wie steht es heute um diese?
Kovryzhenko: Ich habe keine Freunde mehr in Russland. Es gibt nur noch diejenigen, die schon lange nicht mehr in Russland leben. Nur noch jene, die mir in den ersten Tagen des Krieges geschrieben haben, um sich für das, was passiert, zu entschuldigen. Es sind nur fünf oder sechs von ihnen. Und die anderen sind aus dem Leben getilgt, aus den sozialen Netzwerken entfernt. Ich habe mich außerdem von all den kulinarischen Influencern oder Köchen abgemeldet, die weiterhin ihr sorgloses Leben in Russland führen. Die so tun, als ob nichts passiert wäre. Sie unterstützen offensichtlich den Krieg in der Ukraine und wir haben nichts zu besprechen.

Viele ukrainische Männer gehen freiwillig in den Krieg. Verspürst du auch den Drang, zur Waffe zu greifen?
Kovryzhenko: Ich gebe zu: In den ersten Tagen des Krieges habe ich darüber nachgedacht, in die Ukraine zurückzukehren und der Armee beizutreten. Andererseits weiß ich, dass ich hier genau richtig bin, um meinem Land so effektiv wie möglich zu helfen. Mit dem Geld, das wir in London sammeln, können wir Produkte, Waren und Geräte kaufen und Tausenden von Ukrainern helfen. Aber ja, die ukrainischen Männer und auch Frauen werden für ihr Land, für ihre Familien und ihr Volk kämpfen. Bis zum Ende. Die Zeilen unserer Nationalhymne lauten schließlich übersetzt: „Wir werden unsere Seele und unseren Körper für unsere Freiheit opfern.“

Was muss deiner Meinung nach passieren, damit dieser Krieg endet?
Kovryzhenko: Die einzige Möglichkeit, diesen Krieg zu beenden, besteht darin, Putin zu stoppen. Er versteht leider nicht, dass er die Ukraine nicht erobern kann, weil kein Ukrainer das will. Kein Ukrainer will unter russischer Besatzung leben. Wir kämpfen um unser Land, und wir werden es nicht aufgeben, denn das wäre so, als würde man sich einen Arm oder ein Bein abschneiden. Es ist jetzt sehr wichtig, dass sich die ganze Welt zusammenschließt und der Ukraine Hilfe leistet. Denn es ist kein Krieg zwischen zwei Ländern. Es ist ein Krieg zwischen zwei Zivilisationen oder eher zwischen Finsternis und Licht. Putins und Russlands unerfüllte imperiale Ambitionen sind eine Bedrohung für die gesamte zivilisierte Welt. Die Ukraine ist ein Schutzschild für ganz Europa. Und wir sind alle dafür verantwortlich, dass sie das auch bleibt.

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YURII KOVRYZHENKO
Der bekannte ukrainische Koch gilt seit vielen Jahren als Gastro-Diplomat. Sein molekularer Borschtsch hat nicht nur die Zuseher seiner TV-Kochshow begeistert, sondern auch die Tester des Guide Michelin. Yurii wurde in den besten Kochschulen Europas ausgebildet – Ecole Ritz Escoffier, Ferrandi Paris, Basque Culinary Center. Außerdem trägt Yurii Kovryzhenko viele Auszeichnungen und Preise: Global Chef Awards 2017, Ambassador of Taste for the Global Gastronomy 2021, 2022, Goldmedaille Best of Gastronomy 2021. Yurii ist außerdem Mitglied der Disciples Escoffier International.

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