Erobert die Penismuschel die europäische Spitzengastronomie?

Die Penismuschel gilt in Asien als absolute Delikatesse – und ob ihrer Form logischerweise als potenzfördernd. Warum ihr Siegeszug erst in der 1970ern begann – und die obszönste Muschel der Welt nach China und Japan auch bald die europäische Spitzengastronomie erobern könnte.
Oktober 7, 2021 | Text: Lucas Palm | Fotos: Beigestellt

Dass es in den Untiefen des Meeres noch so einiges zu entdecken gibt, ist kein Geheimnis. Forschern zufolge weiß die Menschheit mehr über den Mond als über das Leben in der Tiefsee. Das ist umso gruseliger, als dass die mindestens 1000 Meter tiefen Stellen eine Fläche von sage und schreibe 318 Millionen Quadratkilometern bedecken.

Penismuschel
Das wohl phallischste Lebensmittel der Welt stammt aus den Pazifikküsten in Kanada und den USA, gilt in Ländern wie China und Japan als absolute Delikatesse – und wird auch in anderen Teilen der Welt immer beliebter.

Dass es in den Untiefen des Meeres noch so einiges zu entdecken gibt, ist kein Geheimnis. Forschern zufolge weiß die Menschheit mehr über den Mond als über das Leben in der Tiefsee. Das ist umso gruseliger, als dass die mindestens 1000 Meter tiefen Stellen eine Fläche von sage und schreibe 318 Millionen Quadratkilometern bedecken.

Penismuschel
Das wohl phallischste Lebensmittel der Welt stammt aus den Pazifikküsten in Kanada und den USA, gilt in Ländern wie China und Japan als absolute Delikatesse – und wird auch in anderen Teilen der Welt immer beliebter.

Das entspricht rund 62 (!) Prozent der Erdoberfläche. In den Untiefen der Ozeane, so viel steht fest, wartet also mit großer Sicherheit noch der eine oder andere Meeresbewohner auf uns, der auch in kulinarischer Hinsicht interessant sein könnte. Andererseits: So tief braucht man nicht zu schürfen, wie das Beispiel der Penismuschel beweist. In lediglich einem Meter Tiefe zu Hause, wurde sie Ende der 1970er-Jahre von asiatischen Einwanderern an der pazifischen Küste vor der kanadischen Provinz British Columbia entdeckt.

Seither hat die Elefantenrüsselmuschel, wie sie auch genannt wird, einen wohl einzigartigen Siegeszug hinter sich. Spezialisierte Anbaufarmen in den USA und Kanada sprießen wie Pilze aus dem Boden. In China, Hongkong, Macau und Japan gelten sie in den Restaurants als absolute Delikatesse, die in Form eines Gerichts selten, und wenn, dann um umgerechnet rund 70 Euro zu haben ist. In China wird ihr gar eine potenzsteigernde Wirkung nachgesagt. Kein Wunder bei ihrem phallischen Aussehen. Was genau ist sie aber, diese berüchtigte Penismuschel? Und wie bereitet man sie (richtig) zu?

Ein Rüssel, der alles kann

Zunächst einmal: Der ursprüngliche Name dieser welterobernden Delikatesse lautet Geoduck. Doch entgegen der Vermutung anglophiler Leser hat die Muschel nichts mit einer Ente – oder eben, wortwörtlich übersetzt, einer „Erdente“ – zu tun. Vielmehr ist dieser Begriff auf die Phonetik des indianischen Worts „gwe-duk“ – zu Deutsch für: grabe tief – zurückzuführen. Wie auch immer man diese genitalartigen Geschöpfe bezeichnen mag – das, was sie ausmacht, ist ziemlich erstaunlich.

Penismuschel
Penismuscheln bevorzugen sandige Böden, in denen sie in circa einem Meter Tiefe stecken. Bohrt man tief genug, kann man sie mit einem kräftigen Griff an den Rüssel ernten – und um ein kleines Vermögen verkaufen.

Erstens: Diese Dinger können alt, sehr, sehr alt werden. Das älteste bis heute entdeckte Exemplar hatte 168 Jahre auf dem Buckel. Oder eben auf der Schale. Denn ähnlich wie an Baumstämmen, lässt sich das Alter dieses unverwüstlichen Meeresbewohners an sogenannten Jahresringen auf der Schale ablesen. Damit gehört es zu jenen Tieren unseres Planeten, die am ältesten werden können. Noch beeindruckender als ihr Alter ist hingegen ihre Potenz. Aktueller Stand der Wissenschaft: Tiere zwischen sieben und 107 (!) Jahren sind voll und ganz fortpflanzungsfähig. Fast ist man versucht zu glauben, die äußere Form kann kein Zufall sein.

Apropos Form: Durchschnittlich wiegt eine Geoduck-Muschel gut einen Kilogramm. Die meisten messen plus-minus 15 Zentimeter, wobei die Länge des Rüssels natürlich variieren kann – was in der Regel jedoch nichts mit dem Alter zu tun hat. Doch size matters, zumindest, was die Kriterien der mittlerweile 80 Millionen- Dollar-Penismuschel-Industrie betrifft. Je größer – und weißer! – der Rüssel, desto teurer kann das jeweilige Exemplar verkauft werden. Die 10.000-Tonnen- Marke dürfte zwar noch nicht geknackt worden sein, gut möglich jedoch, dass sie in den nächsten Jahren erreicht wird.

Denn im kanadischen Küstengebiet British Columbia sowie den US-Staaten Washington und Alaska gibt es immer mehr hochprofessionelle Anbaufarmen, wo Tausende Rüssel entlang der Ufer durch eigens angebrachte Röhren lugen und darauf warten, geerntet zu werden. Was natürlich noch lange nicht heißt, dass entlang des frei zugänglichen Küstengebiets nicht auch eine Vielzahl an Muscheln unter der sandigen Oberfläche kriecht. Hier und da wagt sie sich nach oben, um mit ihrem Rüssel aus dem Wasser Plankton-Nahrung einzusaugen. Überhaupt passiert bei der Penismuschel alles, und zwar wirklich alles, über den Rüssel: Nahrungsmittelzufuhr, Atmung – und Ausscheidung. Wie aber bereitet man sie fachgerecht zu?

Vorzugsweise pur

Es mag sich etwas gewöhnungsbedürftig anfühlen: Zuerst drückt man den Rüssel ordentlich zu, damit die letzten Meerwasserreste hinaustropfen. Danach wird’s ohne scharfes Messer schwierig: Die Muschel haftet sehr fest an ihrer handflächengroßen Schale, entlang derer sie abgetrennt werden muss. Der untere, bis dahin an der Schale festgeklebte Teil der Muschel gleicht Tierinnereien und wird in der Regel entsorgt. Möglich, dass auch das – ganz im Sinne von Nose-to-Tail – eines Tages flächendeckend verwertet wird, doch so verbreitet ist die Penismuschelzubereitung offenbar noch nicht, dass dafür stichhaltige Rezepte existieren.

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In asiatischen Ländern wie China und Japan gilt die Penismuschel als absolute Delikatesse.

Jedenfalls: Der losgelöste Rüssel wird jetzt blanchiert, damit die schrumpelige Haut abgezogen werden kann. Wer ein Händchen für Kondome hat, ist hier jedenfalls auf der sicheren Seite. Jetzt tritt das stechende, saubere Weiß ihres festen Fleischs zutage, das sich hervorragend für Sashimi-Variationen eignet. In hauchdünne Scheibchen geschnitten, wird es oft mit etwas Öl, Essig oder Zitronensaft und frischem Grünzeug wie Schnittlauch oder Petersilie verfeinert. Auch in Sojasauce eingelegt lässt es vor allem die Herzen asiatischer Gourmets höherschlagen.

Das Fleisch dieser kostbaren Muschel hat einen süßlichen Geschmack und so gut wie gar keine jodig-meerigen Aromen. Eine etwas francophil anmutende Zubereitungsweise wäre, die Scheibchen kurz in Butter anzubraten und mit Weißwein abzulöschen. Fest steht: In Geoduck-Hotspots wie China oder Japan will diese Delikatesse möglichst puristisch genossen werden. Verständlich, bei diesen Preisen – und wer weiß, vielleicht ist an diesem Gerücht rund um die potenzsteigernde Wirkung doch etwas Wahres dran.

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