Streik – Die Forderungen der „Gastro-Hackler“

Kaputte Branche? Auf „Facebook“ hat sich eine Gruppe von Gastromitarbeitern formiert, die für bessere Arbeitsbedingungen eintritt und mehr Lohn fordert. In letzter Konsequenz will man sogar zum Streik aufrufen!
November 13, 2015

Fotos: Werner Krug, BMWF, Interalpen-Hotel TyrolDie Facebook Streik Seite der Gastro-Hackler

Thomas Ambrosch wollte eigentlich nur seinem Ärger Luft machen. In wenigen Minuten hatte der Kärntner Küchenchef, der zurzeit auf Jobsuche ist, die Gruppe auf der Onlineplattform „Facebook“ gegründet. Ihr Name: „Mehr Rechte für Gastro-Hackler“. Die Forderung: höherer Grundlohn für Köche und Kellner, faire Abgeltung für Wochenenddienste, Überstunden und Nachtarbeit. Gefordert sei die Politik, aber auch die Gastronomen. Sogar mit Streik wird kokettiert. Womit Ambrosch nicht rechnete: Innerhalb von nur wenigen Tagen schlossen sich mehr als 400 Gastromitarbeiter der Gruppe an (Stand 22. Jänner).

„Dieses enorme Feedback habe ich nicht erwartet“, sagt Ambrosch gegenüber ROLLING PIN. „Aber es zeigt, wie sehr ich anscheinend den Nerv vieler Gastro-Hackler getroffen habe.“ Im Gespräch macht Ambrosch einen sehr ruhigen und überlegten Eindruck. Nicht das, was man sich von einem erwarten würde, der im Internet zum Streik aufruft. Zum Beispiel sagt Ambrosch auch: „Ich liebe meinen Job und der Beruf des Kochs ist das Schönste überhaupt.“ Allerdings spricht er auch ganz offen darüber, wie kaputt die Branche viele seiner Kollegen gemacht hat.

„Alkohol- und Drogensucht, Dauerstress und Burn-out, viele Krankenstände, frustrierte Mitarbeiter und immer mehr Jobaussteiger.“ All das sei der bittere Lohn einer Berufssparte, in der 15- bis 18- Stunden-Tage keine Ausnahme sind, ebenso wenig wie eine 7-Tage-Woche oder Nachtarbeit. Zahlen aus Deutschland veranschaulichen … … das Problem der Jobaussteiger. Ein Drittel der Auszubildenden in Hotellerie und Gastronomie bricht die Lehre vorzeitig ab. Weitere 60 Prozent verließen die Branche nach Ende der Ausbildung.

Nach Statistiken der EU sind 48 Prozent der Beschäftigten in diesen beiden Branchen unter 35 Jahre alt. Nur 10 Prozent sind älter als 55.„Und die Bezahlung für die hohen Aufwände der Branche ist vergleichsweise gering. In kaum einer anderen Berufssparte wäre das ohne Aufstand der Arbeitnehmer möglich“, so Ambrosch. Wirklich an Streik denke er jedoch nicht. Was er will, hat er bereits geschafft: das Thema in den öffentlichen Diskurs zu stellen.Vor allem im Internet wird derzeit heftig über den Vorstoß des 32-jährigen Kochs debattiert.

Lohnnebenkosten sollen seitens der Politik gesenkt werden, wird da gefordert. Oder auch, dass Überstunden gesenkt werden müssen. Profitieren würde vor allem der Gast, wird gemutmaßt. „Wer serviert besser? Ein frustrierter Kellner mit einem Mindestgehalt und Existenzängsten oder ein Kellner mit einem leistungsbezogenen Gehalt, der top motiviert ist?“, stellt Ambrosch die Gretchenfrage. Dass er mit seinem Vorstoß auch auf Gegenwind stößt, damit rechnet Ambrosch. So kontert etwa Oliver Mathée, Direktor des „Interalpen Tyrol“ in Telfs: „Wir müssen mal wieder lernen zu arbeiten. Uns geht es doch allen gut. Aber jeder will nur Geld verdienen, ohne zu arbeiten.“ Allerdings stellt Mathée klar, dass in seinem Haus alle Überstunden abgegolten werden. „Natürlich gibt es Betriebe, die bereits umdenken. Die Regel ist das aber nicht“, sagt Ambrosch. Und solange sich nichts ändere, werde er weiterkämpfen.
„Sollen besser arbeiten als sich aufzuregen“ Vor allem das Thema Streik trifft auf großes Unverständnis.

Oliver Mathée,

Ärgert mich masslos
Oliver Mathée, Direktor Interalpen Tyrol, Telfs
www.interalpen.com

In Zeiten, in denen wir von Arbeitslosigkeit an die 8 Prozent reden, müssen wir wieder lernen zu arbeiten. Uns geht es doch allen gut. Aber jeder will nur Geld verdienen, ohne zu arbeiten. Keiner dieser Gruppenmitglieder wurde gezwungen, einen Arbeitsvertrag zu unterzeichnen. Streik ist eine Drohung aus dem vorigen Jahrhundert.

Reinhold Mitterlehner,

Man muss sich nach Gästen richten
Reinhold Mitterlehner, Wirtschafts- und Tourismusminister, Österreich
www.bmwa.gv.at

Faire Arbeitsbedingungen sind im Tourismus wichtig, wobei man sich hier stärker als in anderen Branchen nach den Bedürfnissen der Gäste richten muss. Um eine Überbelastung der Beschäftigten in den Hochsaisonen zu vermeiden, sollte die Saisonkontingent-Verordnung flexibel angewendet werden.

Toni Mörwald

Wer gut ist, verdient gut
Toni Mörwald, Multigastronom und BÖG-Präsident
www.boeg.at

Mehr Geld verdienen zu wollen, ist legitim. Ich bin aber überzeugt davon, dass jene Mitarbeiter, die eine Liebe zum Beruf haben und für das Unternehmen einen Mehrwert darstellen, schon jetzt entsprechend gut verdienen. Diejenigen, die jetzt zum Streik aufrufen, werden in der Branche niemandem abgehen.

Sepp Schellhorn

Streik nein, Transparenz ja
Sepp Schellhorn, Gastronom und ÖHV-Präsident
www.oehv.at

Von einem Streik ist wenig zu halten. Aber grundsätzlich verfolgen die Initiatoren die gleichen Interessen wie die ÖHV: Mehr netto, weniger brutto. Hier ist auch die Politik gefordert. Alle Stunden inkl. Überstunden gehören abgerechnet. Wir sind in der Transparenz und bei den Sozialstandards gefordert.

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