Holy Sh*t! Glaubensbekenntnisse auf dem Teller

Jede Weltreligion hat ihre Speisegebote: Ob Fastenzeiten, verbotene Tiere oder universelle Süßspeisen – keine Esskultur ist jemals den Vorschriften und Verboten der religiösen Texte entkommen. Das prägt unseren heutigen Genuss stärker als wir denken – und zwar weltweit. Wie genau? Das zeigen die größten kulinarischen Glaubenswelten im Vergleich.
Feber 5, 2026 | Text: Lucas Palm | Fotos: Shutterstock, Unsplash - Sergey Kotenev, Unsplash - Radion Kutsaiev, Rolling Pin - made with AI, Unsplash - Ben Moreland, Unsplash - Kristian Egelund

Es gibt Krapfen und es gibt Karpfen. Und ja, schon klar, sie unterscheiden sich in mehr als nur dem Buchstaben R, der beim süßen Hefegebäck an zweiter und beim ikonischen Süßwasserfisch an dritter Stelle steht.

Dennoch haben diese beiden Traditionsspeisen mitteleuropäischer Kulinarik eine ganz bestimmte Sache gemeinsam: Ihre Rolle in unserer Esskultur ist stark im Glauben verwurzelt. Ja, man könnte so weit gehen und sagen: Der Buchstabe R verweist in diesem Fall auf ihr gemeinsames Fundament: die Religion.

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Warum ist Schweinefleisch im Christentum so verbreitet? Eine Antwort liefert die Heidenmission: Während der Missionierung Europas wurden bestimmte Speisegebote bewusst aufgegeben, um den Übertritt zum Christentum zu erleichtern.

Es gibt Krapfen und es gibt Karpfen. Und ja, schon klar, sie unterscheiden sich in mehr als nur dem Buchstaben R, der beim süßen Hefegebäck an zweiter und beim ikonischen Süßwasserfisch an dritter Stelle steht.

Dennoch haben diese beiden Traditionsspeisen mitteleuropäischer Kulinarik eine ganz bestimmte Sache gemeinsam: Ihre Rolle in unserer Esskultur ist stark im Glauben verwurzelt. Ja, man könnte so weit gehen und sagen: Der Buchstabe R verweist in diesem Fall auf ihr gemeinsames Fundament: die Religion.

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Warum ist Schweinefleisch im Christentum so verbreitet? Eine Antwort liefert die Heidenmission: Während der Missionierung Europas wurden bestimmte Speisegebote bewusst aufgegeben, um den Übertritt zum Christentum zu erleichtern.

Beginnen wir mit dem Karpfen. In Mitteleuropa liegt der Ursprung seiner Verbreitung im kirchlichen Fastengebot: Am Heiligabend durfte traditionell kein Fleisch gegessen werden, Fisch hingegen war erlaubt. Der Karpfen eignete sich besonders, weil er in Klosterteichen leicht verfügbar und haltbar war.

So wurde er in weiten Teilen Mitteleuropas schließlich zu einem bewährten Festessen. Bis heute gehen viele etablierte Karpfenteiche – vor allem in Österreich und Deutschland – auf ehemalige Klosterbesitzungen zurück. Die Gründe: Klöster verfügten im Mittelalter über Land, Arbeitskräfte und Wissen, außerdem wurde Fisch wegen der Fastengebote systematisch benötigt.

Heute mögen die Fastengebote kein Grund mehr sein, Karpfen zu essen. Doch gerade in Zeiten, in denen ihn die Spitzengastronomie als Edelprodukt wiederentdeckt, sind die Tiefen der religiösen Wasser, aus denen er stammt, relevanter denn je. Dabei ist der angesagteste aller Süßwasserfische, der vom Steirereck in Wien bis zum Rutz in Berlin zu den wichtigsten Protagonisten auf den Tellern zählt, mehr als nur ein ungeahntes Stück katholischen Erbes.

Keine Weltreligion verzichtet auf süsses Hefegebäck!
Ob an Festtagen oder in Übergangszeiten: Überall auf der Welt sind Variationen des in unseren Breiten so bekannten Krapfens eine religiöse Gaumenfreude.

Heute gilt er als „nachhaltigster Fisch überhaupt“, weil er sich überwiegend pflanzlich ernährt: mit Algen, Wasserpflanzen und organischem Material und nur in geringem Maße von tierischen Proteinen wie Insekten oder Larven.

Das wiederum zeigt: Nach seiner Karriere als kirchliches Lebensmittel ist der Karpfen heute Teil eines neuen, weltlichen Glaubenssystems, das ihn mittlerweile in ethisch-moralische Höhen aufsteigen lässt, die man fast schon als höchste Weihen der modernen Ernährung bezeichnen könnte. Mit dem Krapfen hingegen verhält es sich anders.

Vernünftige Religionsregeln?

Als sonderlich ethisch, moralisch oder gar gesund würden ihn wohl die wenigsten beschreiben. Doch unter religiösen Gesichtspunkten ist er eine der faszinierendsten Süßspeisen überhaupt: Kaum eine Weltregion kommt ohne ein goldbraun ausgebackenes Süßgebäck aus Hefeteig aus.

Meist erscheint es an Festtagen oder in Übergangszeiten: im Christentum etwa zu Fasching oder vor der Fastenzeit, im Judentum als Sufganiyot zu Chanukka, im Islam als Zalabiya oder Luqaimat zu Festen und im Ramadan, im Hinduismus als Gulab Jamun bei religiösen Feiern.

All diese Krapfen-Variationen stehen religionsübergreifend für die ritualisierte Ausnahme vom Alltag, für eine Art festliches Überschreiten der Enthaltsamkeit. Nur: Aus der religiösen Gaumenfreude ist heute – vor allem im christlich geprägten Raum – eine dauerverfügbare Süßspeise geworden, die das Faschingszeitfenster in vielen Konditoreien und Supermarktregalen überdauert.

In Zeiten, in denen die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus Typ 2 den Status einer weltweiten Zivilisationskrankheit erreicht hat, stellt sich wohl oder übel die Frage: Muss das sein? Und: Ist die religiöse Ausnahmespeise nicht doch etwas Vernünftigeres als die Sechserpackung Vanillekrapfen mitten im August? Aber wir wollen ja nicht predigen.

Fest steht: Der Krapfen mit seiner religionsübergreifenden Universalität ist eine Ausnahme. Die Regel zeigt sich in den zahlreichen Unterschieden zwischen den Speisegeboten der Weltreligionen. Besonders klar wird das beim Schwein.

Das Schwein als Köder

Während Schweinefleisch in vielen christlichen Gesellschaften einen großen Platz in der traditionellen Esskultur einnimmt, ist es sowohl im Judentum wie auch im Islam verboten.

Im Buddhismus und im Hinduismus ist es etwas komplizierter: Der Buddhismus erlaubt den Verzehr von Schweine­fleisch zwar grundsätzlich, doch hängt dies von regionalen Traditionen und Ordensregeln ab. Und im Hinduismus gibt es zwar kein Verbot, doch viele Hindus leben aus religiösen oder kulturellen Gründen ohnehin vegetarisch.

Warum aber nimmt Schweinefleisch im Christen­tum so einen wesentlichen Teil der Esskultur ein? Ein wichtiger Grund liegt in der frühen Heidenmission. Die Heidenmission war die gezielte Verbreitung des Christentums unter nichtjüdischen Völkern in Europa. Ein wichtiger Aspekt dabei war, das Christentum möglichst niederschwellig zugänglich zu machen.

Erlebt Essen als spirituelle Praxis ein Revival?
Das Sattva-Prinzip im Hinduismus ist wohl die Urform des achtsamen Essens – und damit, obwohl 2500 Jahre alt, aktueller denn je.

Deshalb wurden jüdische Vorschriften bewusst aufgegeben, um den Übertritt zu erleichtern. Schweinefleisch, das in Europa leicht verfügbar, nahrhaft und wirtschaftlich sinnvoll war, konnte so als alltägliche Nahrungsquelle akzeptiert werden. Dadurch trug die frühe Mission indirekt zur Verbreitung und Etablierung des Schweineverzehrs bei.

Heute spielt Schweinefleisch am höchsten Festtag im christlichen Kirchenjahr, nämlich Ostern, vor allem in Mitteleuropa eine wichtige Rolle: Neben dem Osterschinken, der entweder gekocht oder gebraten wird, besteht das traditionelle Osteressen in der Regel aus unterschiedlichen Arten von – meist kaltem – Schweinefleischerzeugnissen, wie etwa geräuchertem Schweinebauch, Kasseler, Sülze, Mettwürsten oder Schinkenwurst.

So weit, so tierisch deftig also. Aber wie sieht es mit der pflanzlichen Ernährung aus? Findet man auch da religiöse Wurzeln – oder sind sie rein ökologischer und tierwohlorientierter Natur?

Essen als ethische Praxis

Ob wir hier von Wurzeln oder lediglich von einem Vorgängerprinzip pflanzenbasierter Ernährung sprechen, sei dahingestellt. Fest steht: Die Idee einer gesunden Ernährung, die vor allem auf Gemüse setzt und tierische Produkte aus Rücksicht gegenüber der Tierwelt möglichst vermeidet, ist keine Erfindung der Moderne, sondern wurde zum ersten Mal im 8. Jahrhundert v. Chr. systematisiert.

Es handelt sich dabei um das Prinzip des sogenannten „Sattva“, das so viel wie „Reinheit“ bedeutet und seinen festen Platz in der Esskultur des Hinduismus hat. Die sattvische Ernährung besteht vor allem aus pflanzlichen, leicht verdaulichen Lebensmitteln, die Körper und Geist nicht belasten sollen und auch das Töten von Tieren vermeidet.

Von klassisch veganen Speisen unterscheidet sie sich darin, dass sie neben Alkohol auch stark Reizendes, wie etwa Zwiebeln, Knoblauch, Chili und intensive Gewürzmischungen, meidet. Mithilfe von Gemüse, Obst, Getreide und Hülsenfrüchten geht es der sattvischen Küche um Ideale wie Reinheit, Einfachheit und Ausgeglichenheit. Das belegen etwa Gerichte wie Khichdi, ein mild gekochtes Gericht aus Reis und Mung-Dal, das seinen festen Platz am Navratri-Feiertag hat.

Oder Kheer, ein süßer Reis-Milch-Pudding, der sanft gewürzt und oft als rituelle Opfergabe zu Janmashtami serviert wird. Besonders faszinierend bei sattvischen Speisen wie diesen: Essen wird stets als spirituelle Praxis verstanden.

Als etwas, das weit mehr ist als Nährstoffaufnahme. Als moralisches Prinzip. Als ethische Praxis. Als ein Spiegel von Werten. Als etwas, das heute aktueller denn je wirkt – und das, wie viele der erwähnten Speisen zeigen, für viele Menschen sogar oft eine größere Anziehungskraft besitzt als die Religionen, aus denen sie stammen.

Christentum

Im Christentum sind die Speisegebote im Vergleich zu den anderen
Weltreligionen erstaunlich locker. Dass viele Speisen in unseren Breiten dennoch religiöse Wurzeln haben, macht sie umso faszinierender.

Dos and Don’ts

Islam

Was wann gegessen werden darf und was nicht, ist im Koran genau vorgeschrieben. Gelebter Glaube findet im Islam nicht zuletzt bei Tisch statt.

Haram

HARAM Haram bezeichnet im Islam alles, was verboten oder sündhaft ist. Darunter befinden sich neben Handlungen oder Verhaltensweisen auch Lebensmittel, wie etwa Schweinefleisch, nicht halal geschlachtetes Fleisch oder Alkohol.

Ramadan

RAMADAN Beim Ramadan stärkt der Verzicht auf Essen von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang die Selbstdisziplin und Nähe zu Gott, während das sogenannte Fastenbrechen Gemeinschaft und Dankbarkeit fördert.

Halal

Halal bezeichnet im Islam alles, was erlaubt und rein ist, insbesondere Lebensmittel, die nach vorgeschriebener Schlachtpraxis zubereitet werden. Darüber hinaus fördert Halal bewussten Konsum, Achtung vor Tieren und ethische Verantwortung beim Essen.

Dos and Don’ts

Judentum

Zwischen Judentum und Islam gibt es wohl die meisten Überschneidungen, was die Speisegebote angeht. Strenger ist das Judentum aber bei Tierarten und der Trennung zwischen Fleisch und Milch.

Schechita

Schechita ist die rituelle Schlachtmethode im Judentum, bei der das Tier mit einem sehr scharfen Messer in einem Zug durch Kehle und Luftröhre getötet wird, um einen möglichst schnellen und schmerzarmen Tod zu gewährleisten. Sie dient dazu, koscheres Fleisch zu gewinnen, das den religiösen Vorschriften der Kaschrut entspricht und bei dem das Blut vollständig entfernt wird.

Koscher

Koscher bezeichnet im Judentum Lebensmittel, die den religiösen Speisevorschriften entsprechen und somit zum Essen erlaubt sind.

Trefe

Trefe sind im Judentum alle Lebensmittel, die nicht koscher sind und daher nicht gegessen werden dürfen. Dazu gehören zum Beispiel Schweinefleisch, Meeresfrüchte ohne Schuppen und Flossen oder falsch geschlachtetes Fleisch.

Dos and Don’ts

Hinduismus

Im Hinduismus sind Speisegebote stark vom Prinzip namens „Sattva“ geprägt, das Reinheit, Harmonie und spirituelle Ausgeglichenheit fördert. Besonders zeitgemäß: Die Ernährung soll Körper, Geist und Moral positiv beeinflussen und Teil ritueller Reinheit sein.

Ahimsa

Im sattvischen Prinzip spielt Ahimsa – auf Deutsch etwa: Gewaltlosigkeit – eine zentrale Rolle und prägt Ernährung und Lebensweise. Sie fördert Reinheit und Mitgefühl, indem Schädigung von Lebewesen vermieden wird.

Dos and Don’ts

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