Corona-Krise: Home-Office-Journalismus mit Frau und Kind

Zwischen morschem Balkontisch, tanzwütigem Baby und der schnellsten WhatsApp-Gruppe der Welt: ROLLING-PIN-Redakteur Lucas Palm über die tägliche Zerreißprobe namens Home-Office.
April 2, 2020 | Text: Lucas Palm | Fotos: Shutterstock, Lucas Palm

Home-Office – gemütlich, oder?

Ob Nine-Eleven, Tschernobyl oder Fukushima – wenn die Welt aus den Fugen gerät, läuft eine Redaktion wie ein Schweizer Uhrwerk: Faktencheck, Photobeschaffung, Eilmeldung – in diesen Momenten zeigen Redakteure in ihren Großraumbüros, wer die wohl stressresistenteste Berufsgruppe der Welt ist. Keine Katastrophe zu groß, kein Verbrechen zu grausam, kein Skandal zu verhängnisvoll.

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Da hatte ich noch gut lachen: Am ersten Tag war ich überzeugt, so ein Zettel würde für Ruhe und Ordnung in unserer Wohnung sorgen.

47 Quadratmeter, eine übernächtigte Frau – und ein Baby, das mit vier Monaten gerade seinen kapriziösesten Entwicklungsschub durchlebt.

Die Voraussetzungen für meine erste Home-Office-Erfahrung waren – und sind – ideal

Bis vor wenigen Wochen ein 150 Nanometer kleines Virus mit dem schmeichelhaften Namen Corona von sich reden machte. Und selbst die Welt des hartgesottensten Redakteurs auf den Kopf stellte. Denn: Ab jetzt hieß es Home-Office. Sprich: Arbeiten von zu Hause aus. Klingt doch eigentlich ganz gemütlich, möchte man meinen, oder? Gut, dann hier die Hard-Facts, die ihrem Namen ausnahmsweise alle Ehre machen: 47 Quadratmeter, eine übernächtigte Frau – und ein Baby, das mit vier Monaten gerade seinen kapriziösesten Entwicklungsschub durchlebt.

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Von wegen Männer seien nicht multitaskingfähig: Als dieses Photo geschossen wurde, brodelte auf dem Herd noch dazu mein selbst angesetztes Boeuf bourgignon.

Die Frage, ob sich in meinem Fall Home-Office immer noch gemütlich anhört, hat sich hoffentlich erübrigt, dafür drängt sich eine viel schadenfreudigere auf: Was macht das mit einem? Und wie soll das funktionieren, täglich über die verheerendste Pandemie der letzten 100 Jahre zu schreiben, während man sich selbst in Umständen wiederfindet, die jedem Kriegsreporter ausreichend Stoff für einen Pulitzer-Preis-verdächtigen Frontbericht bieten würden?

Ein wackeliger Tisch und die schnellste WhatsApp-Gruppe der Welt

Die erste Frage an diesem Mittwochmorgen lautet: Wo schreibe ich ab jetzt? Am Küchentisch? Ausgeschlossen. Das würde bedeuten, dass meine Freundin und der Kleine ihre Tage im 10 Quadratmeter kleinen Schlafzimmer verbringen müssten. Zugegeben: Ich überlege mir, diesen Vorschlag meiner Freundin zu unterbreiten, aber in weiser Voraussicht wittere ich: Hängt einmal der Haussegen schief, ist es auf so kleinem Raum als allererstes mit dem Schreiben vorbei.

Nimm doch den Balkontisch!

Alles fing eigentlich ganz harmlos an

Also ziehe ich daraus den Schluss, das Schlafzimmer tagsüber zu einer inspirierenden Schreibstube umzufunktionieren. Nur, und das ist die zweite Frage: Mit welchem Tisch? „Nimm doch den Balkontisch!“, schlägt meine Freundin vor. Sie hätte auch sagen können: „Nimm doch diese wackelige, mit Vogelscheiße übersäte Holzplatte, die seit letztem Sommer draußen vor sich hin gammelt!“

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Ein paparazzischer Schnappschuss, der zeigt: Stürmt meine Freundin (inklusive Baby) mitten im Schreibprozess mein Arbeitszimmer, bin ich zum Spaßen nicht sonderlich aufgelegt.

„Gute Idee!“, sage ich und denke mir dabei das Gegenteil. Eine Stunde später – das Tischputzen hat meiner rechten Hand zwei Holzsplitter beschert – nehme ich im Schlafzimmer den Anruf des werten Herrn Chefredakteurs entgegen, der sofort die übrigen Redakteure inklusive Social-Media-Team in die Telefonkonferenz holt und den Fahrplan für die erste Home-Office-Woche verkündet. WordPress-Zugangsdaten werden ausgeschickt, eine WhatsApp-Gruppe gegründet, das tägliche Pensum definiert – und los geht’s.

Kaum auszudenken, wie so eine Home-Office-Welle vor dreißig Jahren für eine Redaktion ausgesehen hätte. Vorstellen kann man sich das jedenfalls nur schwer. Zu groß sind die Verdienste, die uns die Digitalisierung jetzt erweist: Mit der WhatsApp-Gruppe ist jeder sofort über die neuesten Maßnahmen und Entwicklungen informiert. Jeder weiß, wer was wann übernimmt und fertig geschrieben hat, auf unsere hauseigenen Photos kann dank WordPress problemlos von zu Hause aus zugegriffen werden – und siehe da: „Das Werkl läuft“, dixit Chefredakteur nach dem zweiten Tag.

Zuerst Bob Marley, dann die Recherche

So fasziniert ich von dieser radikalen Umstellung und den Tugenden moderner Kommunikationstechnologien auch bin – das Home-Office erweist sich dennoch als tägliche Zerreißprobe. Einerseits der Anspruch an sich selbst, das qualitative und quantitative Leistungspensum aus dem normalen Büroalltag aufrecht zu erhalten, andererseits diese komplette Ausnahmesituation, in der man als Familienvater Frau und Kind nicht einfach sich selbst überlassen darf.

Richtig klar wird mir das wohl oder übel schon am zweiten Tag: Ich mache mich gerade daran, alle ökonomischen Hilfsmaßnahmen in Deutschland auf ihre gastronomische Tauglichkeit hin zu untersuchen – eine ausführliche Analyse soll es werden, veranschlagte Zeit für die Geschichte: dreieinhalb Stunden –, als meine Freundin mit dem Kleinen ins Zimmer platzt. „Schaust du auf ihn? Ich muss duschen und Haare waschen.“

Einerseits der Anspruch an sich selbst, das qualitative und quantitative Leistungspensum aus dem normalen Büroalltag aufrecht zu erhalten, andererseits diese komplette Ausnahmesituation, in der man als Familienvater Frau und Kind nicht einfach sich selbst überlassen darf.

Das Home-Office erweist sich trotz allem als Zerreißprobe

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, antworte ich, ohne über die Verfänglichkeit meiner Worte nachzudenken, „ich muss arbeiten.“ Ihr Todesblick trifft mich erwartungsgemäß wie ein Schlag. Ich frage möglichst höflich: „Warum gerade jetzt?“
„Wann hätte ich das denn tun sollen? Während deiner Telefonkonferenz?“ Und noch bevor ich ihr darauf etwas antworten kann, hat sie mir den Kleinen schon an die Brust gedrückt.

Mit einschlägigen Bewegungen und erwartungsvollem Lächeln gibt er mir zu verstehen, dass er – wie immer um diese Zeit – zu seinen beiden Lieblingsliedern „tanzen“ will: „Should I stay or should I go“ von The Clash und „Three little Birds“ von Bob Marley. Nachdem mich allein der Titel von der Clash-Nummer immer mehr auf dumme Ideen bringt („should I go?“), bewege ich mich mit dem vor Glückseeligkeit herumlallenden Kleinen zu den bewährten Bob-Marley-Vibes und versuche dabei, mich an die Worte des Refrains zu halten: „Don’t worry about a thing. Cause every little thing is gonna be allright.“

Eine Dreiviertelstunde später ist es das dann auch, nachdem sich meine Freundin ihre erste Home-Spa-Session nach der Geburt gegönnt hat und ich meine Recherche über die gastronomische Lage in Deutschland schweißgebadet wieder angehen kann.

30 Quadratmeter und der ganz normale Wahnsinn

Was ist das – zumindest vorläufige – Fazit der dritten Woche Home-Office? Wer hätte das gedacht, aber ungeachtet der bemerkenswerten digitalen Lösungen rund um dieser neuartigen Heimarbeit, sehne ich mich mit jeder Faser nach der Normalität des permanenten Ausnahmezustands in unserem geschäftigen Redaktionsbüro zurück. Klar, von der Freundin aus dem Schreibfluss gerissen zu werden, weil sie sich auf dem Balkon denselben Holzsplitter in den Fuß holt, der vorhin noch in meiner Hand steckte, hat ohne Zweifel Unterhaltungswert.

Die Leidenschaft für seinen Beruf lässt sich aber zusammen mit einer redaktionellen Sinngemeinschaft, die auf 30 Quadratmeter vom gastronomischen Hundertsten ins kulinarische Tausendste kommt, dann aber doch fruchtbarer ausleben. Auch das kann also Corona: Die vermeintliche Normalität neu-, oder besser: wiederzuentdecken. Auf dass sie möglichst bald wiederkomme!

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