Alpenluft statt Sandstrand: Der Coolcation-Trend krempelt die Sommersaison um
Immer mehr Gäste buchen Sommerurlaub bewusst dort, wo man sich tagsüber nicht wie das Gargut in einem Sous-vide-Beutel fühlt: in Skandinavien, Schottland, an der Nordsee oder in den Alpen. Der Trend heißt „Coolcation“ – eine Wortfusion aus cool und vacation. Das Phänomen wurde bereits 2023 von einer EU-Studie belegt und nimmt seither nicht ab.
Immer mehr Gäste buchen Sommerurlaub bewusst dort, wo man sich tagsüber nicht wie das Gargut in einem Sous-vide-Beutel fühlt: in Skandinavien, Schottland, an der Nordsee oder in den Alpen. Der Trend heißt „Coolcation“ – eine Wortfusion aus cool und vacation. Das Phänomen wurde bereits 2023 von einer EU-Studie belegt und nimmt seither nicht ab.
Im Gegenteil: Urlaub in kühlen Regionen, um Hitzewellen, überfüllte Turisten-Hotspots und Sonnenbrand zu umgehen, wird immer beliebter. Dahinter steckt mehr als anekdotische Beobachtung. Der Begriff „Coolcation“ ist längst in Buchungsdaten, Tourismusstrategien und Marketingkampagnen angekommen.
Ironie der Geschichte: Im deutschsprachigen Raum gab’s das Prinzip schon immer – man nannte es nur „Sommerfrische“. Neu ist aber, dass nicht nur Wienerinnen den Semmering aufsuchen, sondern halb Europa auf der Suche nach angenehmen Kühl Richtung Norden pilgert. Und, dass immer mehr Alpen-Hotels, die früher den Winter als ihre Hauptsaison ansahen, jetzt auch in der Sommersaison voll durchstarten.
Coolcation: Warum jetzt?
Der Coolcation-Boom ist keine vorübergehende Laune, sondern eine Reaktion auf harte Fakten: 2024 war laut WMO das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen. Das Erdbeobachtungssystem Copernicus meldete zudem den Sommer 2024 als heißesten Sommer. Und auch 2025 blieb das Temperaturniveau extrem hoch: Es war laut Copernicus das drittwärmste Jahr.

Nicht nur die Temperatur bedeutet für Touristen Planungsunsicherheit: Mit der globalen Erwärmung steigt auch die Häufigkeit von extremen Wetterereignissen. Dass ein Urlaub wegen dem Wetter ausfallen könnte, wird für Gäste deshalb buchungsrelevant.
Wie sich Buchungen und Nachfrage verschieben
Skandinavien gilt aktuell als Reiseziel Nummer eins für Coolcation. Die skandinavische Airline SAS berichtet für Sommer 2025 deutlich steigende Buchungen aus Südeuropa Richtung Norden, teils mit Sprüngen von 50 bis 60 Prozent auf Strecken in norwegische Ziele.
In einer Erhebung der European Travel Commission geben mehr als drei Viertel der Europäer:innen an, ihre Reisepläne wegen Klimarisiken anzupassen.
Was das für Hotellerie & Gastronomie bedeutet
Coolcation ist für die Branche gleichzeitig Chance und Stresstest. Chance, weil neue Sommergäste plötzlich dorthin kommen, wo man früher über „zu kühl für Strandurlaub“ lächelte. Stress-test, weil diese Regionen oft nicht auf mediterrane Besucherströme im Juli vorbereitet sind – Stichwort Bettenkapazität, Infrastruktur, Personal, aber auch Kulinarik-Angebot. Euronews diskutiert bereits offen das Overtourism-Risiko in nordischen Destinationen wie Reykjavik oder Bergen.

Spannend ist auch der Dominoeffekt: Nicht nur Island & Co. positionieren sich, sondern auch „klassisch unterschätzte“ Sommerregionen in Deutschland – etwa die Nordseeküste – vermarkten sich gezielt als kühle Alternative.
Sprich: Klima wird zum Produktmerkmal. Die neue Luxusleistung ist nicht Champagner am Pool, sondern ein Zimmer, in dem man um 14 Uhr nicht mit der Minibar verschmilzt.
Aber Vorsicht: „Cool“ ist kein Garantiesiegel
Der Trend ist logisch, aber nicht narrensicher. Auch der Norden bekommt Extremwetter ab – 2025 gab es Berichte über außergewöhnliche Hitze in Teilen Nordeuropas, die touristische Erwartungen ziemlich schnell zerlegt.
Für Betriebe bedeutet das: Wer „kühl“ verspricht, braucht trotzdem Resilienz – Schattenkonzepte, Lüftung/Temperierung, flexible Speisezeiten, Notfall-Kommunikation. Coolcation verkauft Ruhe. Und Ruhe entsteht nicht von selbst.
Coolcation ist kein Anti-Sonne-Manifest, sondern ein Symptom: Reisen wird klimabewusster, risikosensibler – und zugleich opportunistisch. Wer als Hotel- oder Gastro-Betrieb jetzt seine Saison, Angebote und Kommunikation darauf einstellt, kann gewinnen: mit smarter Kapazitätsplanung, vorausschauendem Recruiting und klarer Positionierung.