#Chefs of Social Media

Soziale Medien sind Segen und Fluch zugleich: Wie viel Social-Media-Manager muss ein Chef heute wirklich sein? Warum reicht es nicht mehr aus, „nur“ Koch zu sein?
Oktober 12, 2018 | Fotos: Claudio Martinuzzi, Facebook, Instagram, Shutterstock, beigestellt

Halt! Stopp! Das Foto! Die Maschinen stoppen, die Bremsen quietschen, alles rutscht ruckelnd zusammen, bitte festhalten, ein Arm schnellt vor, die Handykamera am Anschlag, Siegerlächeln aufgesetzt, Luft anhalten, Kopf hoch, Daumen raus und – klick. Das ist es! Das Foto, das hoffentlich eine Million Likes erntet. Das die Menschen vor ihren Handys glücklich macht. Das die Reservierungsraten in die Höhe schnellen und die Kommentarfunktion rauchen lässt. Bäm!

Hallo Welt!

#CHEFS OF SOCIAL MEDIA
Gib mir dein Like. Ich geb dir ein Foto meines Lebens. Meiner Arbeit. Meines Seins. Dazu noch ein Bild meines Werks. Hallo Oberflächlichkeit! Das Werk sieht aber noch nicht schön genug aus, um die Follower zu begeistern. Also doch noch ein Foto. Besseres Licht, weniger Sauce, mehr Klimbim. Das ist es. Das wollen die Leute. Aber Essen kann man das jetzt nicht mehr. Scheiß drauf! Es geht ja schließlich um Likes, nicht ums Essen. Genauso sehen es ja auch die meisten Gäste – tatsächlich bis zu 65 Prozent, wie in einer Studie berichtet –, die noch vor dem ersten Bissen ein Foto des Essens machen und sogar schon auf Instagram posten. Getreu dem Motto: Was interessiert mich, ob das Essen kalt ist, Hauptsache, das Foto ist geil! Hallo Welt!

Noch nie war es so leicht, mit der ganzen Welt in Kontakt zu treten. Egal, aus welchem Land oder mit welchem kulturellen Hintergrund – über das Internet sind alle miteinander verbunden. Und das in allen Branchen. Und eben auch in der, die einfach für Social Media gemacht ist: Jeden Tag werden Kunstwerke gekocht, Fische ausgenommen, Schweine zerlegt, blöde Witze über anstrengende Gäste gerissen – das Paradies für jeden Social-Media-Manager.
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Content ohne Ende! Aber wer hat schon einen Manager, der das Restaurant hauptberuflich ins rechte Medienlicht rückt? Schön ist es, dass man das Internet ja gar nicht unbedingt als eigene Spielwiese benutzen muss, sondern auch nur stöbern kann. Und das machen fast alle Chefs: In einer Studie vom Mars Foodservice kam 2013 heraus, dass mehr als jeder zweite der befragten Chefs fünfmal am Tag verschiedene Social-Media-Kanäle nutzt. Mal schauen, was die anderen so machen, ohne hinzufahren. Aber egal, wie verlockend euch der Blick über den Tellerrand von der eigenen Couch aus vorkommt, das ist lange nicht alles. Selbst die Stimmung wahrnehmen, den Service kennenlernen, das Ambiente spüren, das Besteck in der Hand halten, den ersten Bissen nehmen, einen Schluck Wein trinken – all das kann kein Instagram-Foto ersetzen.

Oder in den Worten von Tim Raue, der dafür plädiert, nicht nur Fotos auf Facebook zu kommentieren: „Fahrt hin, esst es, bildet euch eine Meinung, nehmt etwas mit und versteht, dass Essen Geschmack ist.“ Die meisten Chefs sind laut Studie aber auf Social-Media-Kanälen unterwegs, um in Kontakt zu bleiben. Viele posten ihre Gerichte und wollen selbst Events verbreiten oder sich darüber informieren. Insgesamt rund 85 Prozent der über 300 befragten Chefs nutzten damals Facebook, Twitter und LinkedIn für die Arbeit.

Denn auch neues Personal kann so extrem gut gefischt werden. Unter den 1,86 Milliarden aktiven Facebooknutzern sind nicht nur potenzielle Gäste und Kollegen, sondern auch Bewerber, die so auf das eigene Restaurant aufmerksam werden. Allerdings gibt es unter den Gästen auch immer diejenigen Spezialisten, die genau das wollen, was sie auf Instagram und Co. gesehen haben. Genau das. Nichts anderes. Das kann schon einmal ziemlich frustrierend sein. Denn das Überraschungsmoment, wie es es beispielsweise in dem medienscheuen Enigma von Albert Adrià gibt, geht komplett flöten.
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Aber darum geht es ja auch nicht. Es geht ja schließlich nur darum, Gästen zu bieten, was sie auf Instagram schon tausendfach gesehen haben. Oder etwa nicht? Ab auf die Spielwiese! Doch Bock, einen eigenen Account anzulegen oder den schon vorhandenen mit Leben füllen? Kein Problem! Generell gibt es Empfehlungen, sich bei Facebook, Instagram, Twitter und Pinterest zu registrieren. Kurz die Vorteile: Interaktion auf Facebook, Instagram für Bilder und Storys, Twitter für Text und Pinterest für Backlinks, die die eigene Website auf Suchmaschinenseiten pushen. Schon registriert? Super!

Dann fehlt aber noch der konstante Inhalt: Drei Posts am Tag beispielsweise auf Facebook müssen drin sein. Eine Werbung im Eigeninteresse und zwei lustige, informative, spannende, interaktive Posts, die nicht direkt etwas mit Werbung zu tun haben. Aber nicht einfach drauf-los-posten! Denn erst einmal muss der Koch/Social-Media-Manager das eigene Profil schärfen. Thomas Imbusch hat seinen Werdegang in die Selbständigkeit mit dem Restaurant 100/200 in Hamburg von der Konzeptidee über die Baustelle mit Höhen und Tiefen bis hin zur Teambildung und Berichterstattung verfolgbar und somit seine potenziellen Gäste auf das fertige Produkt, aber auch Bewerber auf offene Stellen neugierig gemacht. Facebook macht es für wenig Geld und überschaubare Zeit möglich. Aber merke dir: Wenn du nicht gerade René Redzepi bist, der posten kann, was er will, musst du dir eine Marke schaffen.
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Willst du als Experte wahrgenommen werden oder bist du eher der Foodpornist? Willst du eine Message wie Regionalität, Internationalität, Entertainment in der Küche oder Fleischfanatismus rüberbringen? Dann fokussier dich darauf. Und dann bloß nicht denken, dass alle zu dir kommen, ohne dass du etwas dafür tun musst. Das schaffen eben nur René Redzepi oder Beyoncé, ansonsten sollte man das aktive Besuchen anderer Seiten und das Verteilen von Likes nicht unterschätzen.

Likes sind eine Währung und im Tausch zu haben. Okay – so weit, so gut. Aber was posten? Lass der Kreativität freien Lauf! Videos und Fotos von Mitarbeitern, Zubereitungsmethoden, Zerlegetätigkeiten, brodelnden Töpfen und blutigen Fleischstücken sind immer gut. Alles, was spektakulär in Szene gesetzt wird, ist gut. Es muss gar nicht so spektakulär sein, aber wenn der Schmäh passt, stimmt auch der Inhalt. Das lieben Follower und die, die es noch werden sollen. Für Christoph Brand gehören Social Media zu jedem Tag dazu. Der Koch und Caterer postet weniger Foods, „weil sie einfach nicht so aussehen, wie sie wirklich aussehen“, dafür viele Schnappschüsse und auch mal etwas Privates. Er verbringt rund 30 Minuten pro Tag mit seinen Kanälen.

Seiner sehr privaten Linie mit einer Prise Jetset-Life und Prominenten am Bild bleibt er treu. Grundsätzlich gilt für Brand genauso wie für jeden anderen: Niemals die eigene Identität vergessen. Eine schöne Regel: Poste nichts, was du nicht auch vor 100 Menschen auf einer Bühne sagen würdest. Wenn du dich daran hältst, kann fast gar nichts schiefgehen. Egal, wie du es machst, bleib dir treu. Mach keinen auf „Außen hui, innen pfui“, sondern trage hinaus in die weite Social-Media-Welt, worauf du Lust hast und wohinter du stehen kannst. Und bloß nicht deine Foods so verändern, damit die Fotos deiner Gäste noch ein bisschen besser aussehen.

Keiner mag es zu perfekt. Das ist unauthentisch. Und wenn du es mal nicht schaffst, etwas zu fotografieren, speicher den Gedanken einfach ganz fest in deinem Kopf und denke immer mal wieder daran, wie schön es war, etwas zu genießen, ohne dass du dein Handy zwischen dir und die schöne Sache gehalten hast. Eine Sache kann auch toll sein, wenn niemand davon weiß – außer dir und deinem Gast.

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