Geht’s ein bisschen leiser?

In vielen Restaurants ist der Lärmpegel zu hoch, um sich zu unterhalten. Eine neue App hilft.
Juni 4, 2019 | Text: Sarah Helmanseder | Fotos: Shutterstock

Wenn es in einem Restaurant so laut ist, dass Konversation fast unmöglich wird, kann einem das schon einmal den Appetit verderben. Der geselligen Komponente des Essens ist es nicht gerade dienlich, wenn man sich beim Dinner über den Tisch hinweg anschreien muss. Messungen zeigen, dass das in gar nicht so wenigen Lokalen der Fall ist. 
Die britische Charity-Organisation Action on Hearing Loss (AoHL) hat 2017 erhoben, dass das Lärmniveau in einigen bekannten  Restaurantketten Großbritanniens an belebten Abenden jenseits der 90 Dezibel lag, berichtet der Guardian. Damit man sich darunter etwas vorstellen kann: Das ist, als würde man beim Essen neben einem laufenden Rasenmäher oder einem Motorrad sitzen. Angenehm für Unterhaltungen wäre eine Lautstärke von 74 Dezibel, so der Guardian.
Nicht nur Menschen mit Gehörverlust haben mit derartig lauten Hintergrundgeräuschen Probleme. 79 Prozent aller von AoHL Befragten gaben an, dass sie sich beim Essen im Restaurant kaum unterhalten konnten. Acht von zehn Personen verließen das Restaurant deshalb früher und 91 Prozent sagten, sie würden Lokale mit hohem Lärmpegel nicht wieder besuchen. 
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In zahlreichen Restaurants ist es für den Geschmack der Gäste schon viel zu laut. 

Warum ist es überhaupt so laut?

Die Lautstärke verdankt sich zum Teil dem sogenannten Lombard-Effekt, benannt nach dem französischen Wissenschaftler Étienne Lombard. Demnach erhöhen wir bei Lärm automatisch unsere Lautstärke beim Sprechen. Das heißt, selbst bei nicht allzu lauter Hintergrundmusik in einem Restaurant sprechen die Gäste, um einander zu hören, bereits lauter als ohne Musik. Die moderne Architektur trägt auch noch das Ihre bei: kahle Wände, nackter Ziegel und Glühbirnen, hohe, gewölbte Decken – was stilvoll aussieht, befördert die Entstehung von Lärm, wie der Guardian unter Berufung auf Jay Rayner, den Restaurantkritiker des Observer, berichtet. 
Alexander Gilmour von der Financial Times sieht auch eine gewisse Diskriminierung älterer Menschen, weil junge Leute einfach allgemein lauter seien. Sie würden schneller essen, mehr trinken, laute Musik mögen – und daher auch schreien, weshalb Gilmour in einem Bericht von vergangenem Herbst vorschlägt, in Restaurants eigene Bereiche für Menschen zu schaffen, die es lieber ruhig haben. 

Was können Restaurants gegen den Lärm tun?

Mittlerweile haben einige Restaurants Akustikexperten um Hilfe gebeten. Ben Hancock, Direktor von Oscar Acoustic, betont, dass Lärmreduzierung kein Stimmungskiller ist, sondern es gehe darum, die Hintergrundgeräusche soweit einzudämmen, dass man sich angenehm unterhalten kann – unter Beibehaltung der Atmosphäre, so der Guardian. Sein Unternehmen installiert akustische Polituren, die auf Oberflächen gesprayt werden und den Lärm absorbieren. Je dicker desto wirksamer. Eine weitere Möglichkeit sind lärmdämpfende Paneele, die an der Decken angebracht werden.
Das bedeutet: Um Restaurants leiser zu machen, sind Investitionen nötig. Allerdings dürfte sich das lohnen, denn laut Guardian hat eine neue Studie herausgefunden, dass Lärm den Geschmack beeinträchtigt. Stefano Meloni, Senior Manager von Tozi Restaurant & Bar in London hat bereits lärmdämpfende Paneele an der Decke anbringen lassen und eine deutliche Verbesserung beobachtet. "Nicht der Lärm erzeugt die Atmosphäre, sondern das Personal und die Manager tun das", sagt Meloni zum Guardian als Reaktion auf die Annahme, die Geräuschkulisse gehöre einfach zur richtigen Stimmung. 
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Wenn es kaum noch möglich ist, sich mit dem Gegenüber entspannt zu unterhalten, sind Maßnahmen zur Lärmeindämmung gefragt. 

Wie finden Gäste ruhige Lokale?

Gregory Scott hat Gästen auf der Suche nach ruhigen Restaurants das Leben ein Stück leichter gemacht. Er lebt in New York, einer der lautesten Städte der Welt, und hat die App Soundprint ins Leben gerufen. Nutzer können damit Lokale finden, in denen Konversation problemlos möglich ist, und werden gebeten, in anderen Restaurants die Lautstärke aufzuzeichnen, was ebenfalls mit der App funktioniert, wie der Guardian berichtet. Soundprint teilt die Restaurants dann in leise, moderat und laut ein, wobei moderat eben bei 74 Dezibel liegt. 60.000 Einträge gibt es inzwischen, 500 davon betreffen Lokale in Großbritannien. 
Auch in Social Media geben Gäste verstärkt Feedback über Lärm in Lokalen. TripAdvisor und Open Table sind bereits gute Anlaufstellen für Gäste, die sicher gehen wollen, in aller Ruhe essen und sich unterhalten zu können. 

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