Ausgabe 229

ROLLING PIN-Selbsttest: Clumsy Kellner

Wir testen die härtesten Jobs der Branche, die schrägsten Produkte der Welt und opfern dafür jede ­Menge Schweiß und Blut. Diesmal Bernhard Leitner als Clumsy Kellner in Hubert Wallners See Restaurant Saag.

Fotos: Michael Sauseng

Es herrscht Hochsaison am wunderschönen Wörthersee. Bis Juli 2018 wurden rund um den malerischen See bereits sagenhafte 1,2 Millionen Ankünfte und über fünf Millionen Übernachtungen registriert. Unter dem Motto „Urlaub bei Freunden“ beginne ich also meine Service-Stage bei einem der besten Köche Österreichs. Der gebürtige Niederösterreicher und mittlerweilge Wahlkärntner Hubert Wallner hält mit seinem idyllischen Seerestaurant Saag in Techelsberg am Wörthersee bei mehr als verdienten 17 Gault-Millau-Punkten und somit drei Hauben. Hauben, auf die man jenseits der 30-Grad-Marke auch gerne verzichten kann. Gut, Spaß beiseite. Es geht ans Eingemachte.

Challenge accepted!

An einem magischen Ort wie diesem reicht es natürlich bei Weitem nicht, geniale Gaumenkracher über den Pass zu schicken, um den Gästen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Mit unumstößlicher Überzeugung wird hier vom Spüler bis zum Oberkellner stets gute Laune erwartet. Angesichts der Kulisse des traumhaften Seerestaurants inklusive kleiner Anlegestelle für Boote nicht die größte Herausforderung. Servicebeginn. Es ist ein verdammt heißer Tag und schon beim Anziehen der Schürze bilden sich die ersten Schweißtropfen auf der Stirn.

Die Nachmittagsgäste am Planter’s Beach frönen zwar noch lieber den genialen Cocktails an der Bar, doch auf der Karte des Beach Bistro stehen auch leckere Snacks wie Burger, Ceviche, Beef Tatar und Co. Ersteres notiere ich mir auch gleich in mein fiktives Notizbuch. Leckere Buns, saftige Patties und dazu kunsprige Wedges. Und da ich eigentlich hauptsächlich mit meinem Lächeln beschäftigt bin, ohne dabei zu stolpern, serviere ich den ersten Teller des Tages direkt in den Schoß des Gastes anstatt auf der Glasfläche des dunkelbraunen Rattantisches.

Die schwer­mutigen Gin Tonics aus meiner rustikalen Feder schmecken eher wie Medizin.

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung

Ein großer Vorteil am Wörthersee: Auch die Gäste haben offenbar immer gute Laune und verlieren diese auch nicht so schnell. Zwar treffen mich die Blicke von Küchenchef und Hausherr Hubert Wallner wie Zeus’ Blitze, doch er belässt es bei der Gelben Karte und ich darf weitermachen. Sollten an diesem Tag übrigens Tester von diversen Guides im Restaurant gewesen sein: Man möge es Herrn Wallner verzeihen, mir diese Chance gegeben zu haben. Kommen Sie doch an einem anderen Tag wieder und überzeugen sie sich von der ansonsten perfekten Servicequalität im Saag.

Der Herr der Bar

Nach einer mehr oder weniger erfolgreichen Einlage im Beach Bistro geht’s dennoch munter weiter. In der zweiten, nächtlichen Schicht an der romantischen Bar zwischen dem sanften Rauschen des Wassers und Chill-Out-Mucke kann ich zumindest mit meinen Socializing Skills meine desaströsen Motorik-Defizite kaschieren. Zwar schmecken die Gin Tonics aus meiner rustikalen Feder eher wie Medizin, doch spätestens nach dem dritten weiß der Mensch an der anderen Seite des Thresens am nächsten Tag nicht mehr allzu viel davon. Ich hingegen werde an dieser Schmach noch länger knabbern und möchte an dieser Stelle ein Hoch auf alle Servicekräfte aussprechen, die mit Charme, Geschick und einer Engelsgeduld jeden Tag mit ihrer perfekten Laune alle Gäste anstecken.

www.saag-ja.at

12.10.2018