Michael Niederer & Andreas Wessely: Sag niemals Hoteliers zu ihnen

Mit ihrem Hotel Fernblick führen Michael Niederer und Andreas Wessely die wohl schrillste Herberge des Landes. Ein Auftakt, denn das Gastgeberduo will nicht weniger als die Wiener Alpen im besten Wortsinn wieder salonfähig machen.
Mai 27, 2022 | Text: Stephanie Fuchs | Fotos: Matthias Kronfuss

So manche Erfolgsgeschichte beginnt mit glücklichen Fügungen. Diese geht so: Es waren einmal ein Interior Designer und ein Unternehmensberater – der eine aus Salzburg, der andere aus Tirol – die lebten in Wien. Dort vermissten sie nicht viel, nur die Berge gingen ihnen ab. Und ein kleines Landhaus, das man vielleicht einmal zu einem kleinen Hotel ausbauen könnte.

Michael Niederer und Andreas Wessely
Andreas Wessely (links) und Michael Niederer vor der zuckerlrosa Fassade ihres Hotel Fernblick.

So manche Erfolgsgeschichte beginnt mit glücklichen Fügungen. Diese geht so: Es waren einmal ein Interior Designer und ein Unternehmensberater – der eine aus Salzburg, der andere aus Tirol – die lebten in Wien. Dort vermissten sie nicht viel, nur die Berge gingen ihnen ab. Und ein kleines Landhaus, das man vielleicht einmal zu einem kleinen Hotel ausbauen könnte.

Michael Niederer und Andreas Wessely
Andreas Wessely (links) und Michael Niederer vor der zuckerlrosa Fassade ihres Hotel Fernblick.

Das Gute war: Schöne Berge gab es nicht weit entfernt von der Großstadt, am Semmering. Nicht so gut war: Abgesehen von der Landschaft gab es nicht mehr viele Gründe, sich dort aufzuhalten. Wo sich in prachtvollen Grandhotels wie dem Südbahnhotel einst der Kaiser, Oskar Kokoschka oder Sigmund Freud die Klinke in die Hand gaben, bröckelt nämlich seit Jahren der Putz von den Wänden. Die einst als Wunderwerk der Technik gefeierte Semmeringbahn wird heute eher als Verkehrsbehinderung betrachtet, in die man nur steigt, um die Zeit totzuschlagen. Und wer zum Skifahren kommt, räumt nach der letzten Seilbahnfahrt schleunigst das Feld.

Wir verstehen und bezeichnen uns nicht als Hoteliers, sondern als Gastgeber, als Konzeptionisten, Ideengeber und Designer.
Michael Niederer

Aber dann fanden Michael Niederer, der Designer, und Andreas Wessely, der Unternehmensberater, im Internet zufällig diese alte, zum Verkauf stehende Villa, 1912 als mondäne Pension Antoinette eröffnet, in den frühen 1980er-Jahren geschlossen. „Ursprünglich wussten wir nicht, was wir mit dem Haus eigentlich machen sollen“, erzählt Andreas Wessely. „Erst dachten wir an ein Bed and Breakfast, aber wir haben schnell gemerkt, dass es viel einfacher ist, wenn du die Villa als Ferienhaus vermietest. Das hat dann ziemlich eingeschlagen.“ So sehr, dass das Forbes Magazine das detailverliebt renovierte Jugendstiljuwel nur wenige Wochen nach der Eröffnung auf Platz vier der besten österreichischen Chalets setzte.

 

Jedem sein Plaisierchen

An diesem Punkt hätten sich Niederer und Wessely gemütlich zurücklehnen und ein bisschen freuen können, dass es so gut läuft mit ihrem luxuriösen Sommerfrischehaus am Semmering. Aber das mit dem Aufhören, wenn’s am Schönsten ist, ist halt ihre Sache nicht. „Wir laden gerne Menschen ein, wir feiern gerne, wir sind fasziniert vom Charme alter Häuser, wir entwickeln gerne neue Konzepte und lieben Interior Design“, sagt Michael Niederer. „Und der beste Weg, all das zu verbinden, ist der, den wir mit der Villa Antoinette gegangen sind, und den wir seit 2019 auch im Fernblick gehen: Nicht Hotelier, sondern Gastgeber sein, einen außergewöhnlichen, luxuriösen Ort für seine Gäste schaffen, an dem sie sich wie zu Hause fühlen, aber auch Top-Service geboten bekommen.“

Wobei die Gastgeber, wie Andreas betont, ja de facto die Menschen sind, die ihre Häuser im Tagesgeschäft leiten. „Wir kaufen die Objekte, entwickeln das Konzept, kümmern uns ums Design und sind beim Launch involviert“, erklärt er. Das operative Geschäft aber überlassen sie ihren 25 Mitarbeitern und ihren Führungsteams. Menschen wie Herrn Edi, der in der Villa Antoinette Butler, Concierge, Gutsverwalter und Mädchen für alles in Personalunion ist, oder Herrn Robert, Herrn Dalibor und Frau Bibi, die das Fernblick schupfen.

Wir arbeiten nicht mit Investoren. Es gibt nur uns zwei und die Bank. Und jeder verdiente Cent wird sofort in neue Projekte gesteckt.
Andreas Wessely

Die Bling-Bang-Theorie

Das Fernblick steht in St. Corona am Wechsel und ist auch so ein Haus, das seine besten Zeiten hinter sich hatte. Seit dem Abbau der Skilifte 2011 ist St. Corona ein – wohlwollend formuliert – recht verschlafenes Örtchen. Zumindest war es das, bis Niederer und Wessely sich 2017 wieder einmal spontan verliebten. Beim ersten Blick auf das ehemalige Ausflugsgasthaus habe er an einen Scherz seines Partners gedacht, sagt Michael Niederer.

Der 700 Jahre alte Lindenbaum und der Ausblick hätten dann aber dafür gesorgt, dass aus dem Gasthaus in zwei Jahren Bauzeit ein „totaler Happy Place“ wurde. Tatsächlich ist das als Hochzeits- und Tagungslocation konzipierte Haus – das während der Corona-Krise als „Buena Vista Weekend Club“ auch für exklusive Freundesrunden mit Cocktails, Dinner und Dj-Vibes öffnete – mit seinen 21 Zimmern ein schriller, schräger, exzentrischer, glamouröser und stilvoller Ort im Mid-Century-Schick, den es so in Österreich nur einmal gibt.

Wer keine Freud’ an Chichi hat, ist hier falsch. Hier regieren Samt und Plüsch, Bleikristall, Stofftapeten mit Paradiesvogelmotiv und goldene Platzteller, es gibt eine spektakuläre Felsenbar, einen Pool, eine Außenbar mit Blick auf den Springbrunnen und einen hoteleigenen Concept Store. Jeden Sonntag von 12 bis 19 Uhr ist das Fernblick außerdem als gehobenes Gasthaus geöffnet, „damit verlieren wir eher Geld, aber es macht uns eine Riesenfreude, die Gäste sind glücklich, die Mitarbeiter auch, was willst du mehr.“

Ein anspruchsvolles kulinarisches Angebot ist zwar Teil des Konzepts im Fernblick, aber am Ende kommen die Menschen natürlich trotzdem eher zum Feiern in dieses Ufo am Berg, mitten im Nirgendwo, an dem wochenends Menschen in eleganten Smokings und Abendkleidern aus teuren Karossen steigen und Beverly Hills grüßen lässt. Wie finden das denn die Dorfbewohner so? „Uns ist schon klar, dass St. Corona kein Luxusort ist, und jetzt kommen da zwei Männer, die noch dazu ein Paar sind, bauen ein Hotel mit rosa Fassade und wochenends trudelt eine Klientel ein, die man eher auf Mykonos als im Wechselgebiet verortet“, sagt Michael. „Aber wir wollen den Leuten schon auch zeigen, dass wir voll am Boden sind, und die Menschen, die unsere Häuser führen und vor Ort sind, spielen da mitunter schon auch eine wichtige Rolle.“

Viel neues auf’m Dorf

Der Herr Dalibor kennt nämlich beispielsweise alle Nachbarn in St. Corona. Das kann helfen, wenn man, so wie Niederer und Wessely, noch lange nicht fertig ist mit der Eroberung des niederösterreichischen Mittelgebirges. Weil’s nämlich grade so glänzend läuft, haben sie zwischenzeitlich auch die Pension Tirolerhof auf dem Kreuzberg bei Payerbach, in der Nähe des berühmten Loos-Hauses, sowie das Personalhaus des Südbahnhotels am Semmering, aus dem sie eine „Dependance“ der Villa Antoinette machen wollen, erworben. Und gerade eben haben sie in St. Corona das alte Hotel mit Wirtshaus gegenüber der Kirche gekauft. „Da ist seit den 1960ern auch nix mehr passiert, jetzt machen wir ein schickes Hotel draus, eine Mischung aus Pariser Schick der 1920er-Jahre und alpinem Style, mit einem großen Wellnessbereich, den dann auch die Gäste vom Fernblick nutzen können.“

Mit dem Umbau ihres „Hotel Vis-a-Vis“ haben sie gerade begonnen, in zwei Jahren soll eröffnet werden. „Was soll ich sagen: das Anstoßen von Projekten ist halt einfach unser Ding, wir können gar nicht anders!“, antwortet Michael Niederer auf die Frage, ob so viele verschiedene Projekte ihnen denn keine schlaflosen Nächte bereiten würden. Zumal sie keine Investoren an Bord haben. „Es gibt nur uns zwei und die Bank“, sagt Andreas Wessely. „Und wir stecken jeden Cent, den wir verdienen, gleich ins nächste Projekt. Aber so haben wir halt auch die Freiheit zu tun, was wir wollen, und so zu renovieren, wie wir uns das vorstellen. Weil ein Investor will mit dir irgendwann darüber
diskutieren, ob es nicht vielleicht auch ohne Mohair geht. Nein, geht es nicht!“

In der Corona-Saison machte das Fernblick als „normales“ Hotel auf. Je nach Auslastung gibt’s den Buena Vista Club als Weekend-Package mit DJs, Cocktails & co. nach wie vor.

Ihre Gäste würden diese Hingabe und Detailverliebtheit aber auch spüren und honorieren. „Die Leute lassen sich heute nicht mehr so einfach pflanzen. Nicht beim Essen, und beim Wohnen schon gar nicht.“ Amen.

www.fernblick.at

_____________

MICHAEL NIEDERER & ANDREAS WESSELY
2012 kauften der Unternehmensberater und der Interior Designer die Villa Antoinette am Semmering und lösten damit das Ticket für den Einstieg ins Hospitality-Business. 2019 folgte das Hotel Fernblick, zu ihren aktuellen Projekten zählen der Tirolerhof in Payerbach, das Südbahnhotel am Semmering und ein altes Wirtshaus am St. Coroner Ortsplatz, das als Hotel Vis-a-Vis eröffnen soll.

Den ganzen Artikel kannst Du als ROLLING PIN-Member kostenlos lesen.

Werde jetzt Member. Kostenlos.

Als ROLLING PIN-Member genießt Du unzählige Vorteile.
  • Alle Onlineartikel lesen, die für normale User gesperrt sind
  • Einladungen zu unseren exklusiven Member-Events
  • 30% Rabatt auf Rolling Pin Convention Tickets
  • Per Mausklick an unseren Gewinnspielen teilnehmen und sensationelle Preise gewinnen
  • Kostenlose Nutzung unserer sensationellen Rezeptdatenbank
  • Die heißesten News aus der Gastronomie und Hotellerie vor allen anderen erfahren
  • Die ROLLING PIN-Membership ist vollkommen kostenlos und wird es auch bleiben
Vorteile einblenden

Top Jobs


KOSTENLOS MEMBER WERDEN
UND UNZÄHLIGE VORTEILE genießen

  • Insights aus der Gastro-Szene, ganz ohne Bullshit.
  • Personalisierte Jobvorschläge & die besten Jobs aus der ganzen Welt
  • Alle Online-Artikel lesen & Zugriff auf das Rolling Pin-Archiv
  • VIP-Einladungen zu ROLLING PIN-Events und vieles mehr…